Was tun bei Demenz und Weglaufen? Sanfter Leitfaden
Demenz und Weglaufen: Einfühlsame Hilfe für Angehörige. Ursachen, Frühzeichen, praktische Schritte und sanfte Wege zu mehr Sicherheit im Alltag.


Was tun bei Demenz und Weglaufen: Was wirklich dahintersteckt und was hilft
Beitrag 23
Wenn ein Mensch mit Demenz plötzlich weg ist, ist das einer der beängstigendsten Momente, die Angehörige erleben können. Panik, Schuldgefühle, das Gefühl, versagt zu haben. Dieser Beitrag erklärt, was hinter dem Drang zu gehen wirklich steckt, und was im Alltag helfen kann, ohne Würde oder Freiheit zu opfern.
Tom war über achtzig Jahre alt und lebte hinter gesicherten Türen. Und trotzdem versuchte er es immer wieder. Tom war über achtzig Jahre alt und lebte in einer geschlossenen Einrichtung. Er konnte das Gebäude nicht alleine verlassen. Und trotzdem versuchte er es immer wieder. Er stellte sich hinter Mitarbeiter, wenn diese den Türcode eingaben, und beobachtete ihre Hände. Er wartete auf unaufmerksame Momente. An einem Tag, an dem ich nicht arbeitete, war er bereits auf halbem Weg über einen zwei Meter hohen Zaun geklettert. Er war über achtzig. Wer Tom kannte, wusste warum er es versuchte. Er wollte zu Anna, einer Frau, die er irgendwann in seinem Leben bewundert oder geliebt hatte und die über sechzig Kilometer entfernt lebte. Er sprach ständig von ihr, mit jedem der zuhörte. Und wenn niemand zuhörte, versuchte er selbst zu ihr zu kommen. Das war kein Zeichen von Verwirrung. Das war ein Mensch, der wusste, was er wollte, und keine anderen Mittel mehr hatte, es zu bekommen. Mehr über Tom und was seine Geschichte über Schuld und Fürsorge lehrt, erzähle ich in Beitrag 27: Schuldgefühle als Demenz-Angehörige.
Eva und die gepackte Tasche
Eva war anders. Sie lief nicht davon. Sie bereitete sich vor. Manchmal, nicht jeden Tag und nicht nach einem bestimmten Muster, begann Eva zu packen. Ihre Stricknadeln kamen zuerst, dann ein Stoffbeutel mit Handarbeiten, ein Kleidungsstück, und zuletzt ihr Teddy. Sie zog ihre Jacke an und erklärte ruhig, dass sie jetzt nach Hause müsse. Es spielte keine Rolle, wie der Tag gewesen war. Ob sie den Vormittag im Aufenthaltsraum verbracht hatte oder in ihrem Zimmer. Ob es ruhig gewesen war oder nicht. Der Moment kam einfach, wenn er kam.
Sie war in der Einrichtung zu Hause. Aber das Zuhause, das sie suchte, war woanders, irgendwo in ihrer Vergangenheit, an einem Ort, der sich anders angefühlt hatte. Manche Kollegen versuchten ihr zu erklären, dass sie bereits zu Hause sei. Dass das hier ihr Zuhause sei. Dass sie nirgendwo hingehen müsse. Das war gut gemeint. Aber es machte die Situation fast immer schlimmer. Eva wurde verwirrt, dann aufgewühlt, und der Drang zu gehen wurde stärker statt schwächer. Wenn jemand ihr sagte, dass ihre Wahrnehmung falsch war, nahm das ihr das einzige, was sie noch sicher wusste: ihr eigenes Gefühl. Was manchmal half, war das Gegenteil davon. Nicht korrigieren, sondern begleiten. Ein Angebot, kurz in den gesicherten Garten zu gehen. Eine Tasse Tee. Ein Gespräch über das Stricken. Manchmal funktionierte das. Manchmal nicht. Wenn es nicht funktionierte, blieb nur das ruhige Dabeisein, bis der Moment wieder vorbeiging.
Karl und die Zeichen, die ihm vorausgingen
Karl zeigte es anders als Eva. Er wurde laut, unruhig, lief durch die Gänge. Wer ihn nicht kannte, hätte es vielleicht einfach als Aufregung abgetan. Wer ihn kannte, wusste, dass er gleich sagen würde, dass er gehen wollte. Auch das kam nicht regelmäßig. Manchmal passierte es wochenlang gar nicht. Dann wieder an einem Abend, wenn ich gar nicht im Dienst war. Es gab kein verlässliches Muster, nur die Zeichen, die ihm vorausgingen, wenn man genau genug hinsah. Das ist etwas, das Angehörige zu Hause kennenlernen können, wenn sie Zeit dafür haben: Nicht das Weglaufen selbst vorherzusagen, sondern die Zeichen davor zu erkennen. Häufiges Auf-und-Ab-Gehen, Taschen packen, wiederholtes Fragen nach bestimmten Orten oder Menschen, zunehmende Unruhe am späten Nachmittag. Diese Zeichen geben manchmal ein kleines Zeitfenster, um umzulenken, bevor es zur Tür geht. Mehr darüber, wie schwierige Abendstunden entstehen, beschreibe ich in Beitrag 19: Sundowning bei Demenz, wenn der Abend schwer wird.
Warum Menschen mit Demenz gehen wollen
Tom wollte zu einer bestimmten Person. Eva wollte zu einem bestimmten Gefühl von Zuhause. Karl hatte eine innere Unruhe, die er nicht benennen konnte und die sich in Bewegung entlud. Drei verschiedene Menschen, drei verschiedene Gründe. Aus der Distanz betrachtet war keiner von ihnen stur oder schwierig. Aber ich weiß, dass nicht alle Kollegen das so gesehen haben. Manchmal war die Reaktion ein müdes „Schon wieder" oder eine gewisse Ungeduld, besonders am Ende einer langen Schicht. Das ist menschlich. Es ändert nichts daran, was hinter dem Verhalten steckt, aber es ist ehrlich.
Wenn du das gerade liest und dich fragst, wie du mit solchen Momenten umgehst oder ob du gerade mittendrin bist: Wie geht es dir damit? Was hilft dir, ruhig zu bleiben, wenn es das dritte Mal an diesem Tag passiert? Das sind keine einfachen Fragen, und es gibt keine perfekten Antworten. Das ist der wichtigste Satz, den ich über das Weglaufen sagen kann: Es ist fast nie Flucht. Es ist fast immer der Versuch, irgendwo anzukommen.
Manchmal ist es die Sehnsucht nach einem Zuhause, das sich in der Gegenwart nicht mehr finden lässt. Manchmal ist es ein Bewegungsdrang, der nach Sinn sucht. Manchmal sind es alte Rollen und Routinen, die noch immer im Körper wirken, der jahrelang um dieselbe Zeit zur Arbeit gegangen ist. Und manchmal ist es einfach zu viel geworden, zu viel Lärm, zu viel Besuch, zu viel von allem. Wie sich innere Unruhe in Verhalten ausdrückt, beschreibe ich in Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe, wenn Hände Bedürfnisse zeigen.
Was im Alltag helfen kann
In der Einrichtung hatten wir Türalarme, gesicherte Ausgänge und meistens mehrere Mitarbeiter gleichzeitig. Angehörige zu Hause haben das nicht. Das macht es schwerer, und das sollte man ehrlich sagen.
Was trotzdem helfen kann:
Das Bedürfnis bestätigen statt korrigieren. Wenn jemand sagt „Ich muss nach Hause", hilft es selten zu sagen „Du bist doch zu Hause." Was oft besser funktioniert: „Ja, lass uns kurz zusammen rausgehen." Das Bedürfnis wird ernst genommen, und man geht gemeinsam statt gegeneinander. Ablenkung anbieten, ohne zu drängen. Ein Spaziergang, ein Tee, eine vertraute Tätigkeit. Manchmal nimmt das dem Moment seine Schärfe. Manchmal nicht. Beides ist in Ordnung.
Bewegung einplanen. Bei manchen Menschen kann regelmäßige Bewegung tagsüber dazu beitragen, den abendlichen Drang zu mildern. Es funktioniert nicht bei jedem und nicht immer, aber es ist einen Versuch wert. Mehr dazu in Beitrag 3: Bewegung bei Demenz, wenn der Körper sich erinnert. Rituale als Anker nutzen. Feste Abläufe geben Orientierung, wenn die innere Uhr durcheinandergeraten ist. Mehr dazu in Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz, Orientierung durch Rituale.
Die Umgebung anpassen. Einen einfachen Türalarm oder eine kleine Türglocke an der Haustür anbringen, damit man merkt, wenn jemand die Tür öffnet. Das gibt etwas mehr Zeit zum Reagieren. Schuhe und Jacken kann man weniger auffällig platzieren, aber komplett verstecken sollte man sie nicht, denn wenn jemand doch das Haus verlässt, besonders im Winter, braucht er sie. Sicherheit bedeutet hier nicht Unsichtbarmachen, sondern weniger Sichtbarkeit als Impuls.
GPS-Hilfen in Betracht ziehen. Armbänder oder Uhren mit Ortungsfunktion können Angehörigen enormen Stress abnehmen. Sie ersetzen keine Aufmerksamkeit, aber sie geben Sicherheit für die Momente, in denen man nicht überall gleichzeitig sein kann.
Eine ehrliche Anmerkung
In der Einrichtung, in der ich arbeitete, wurden Bewohner manchmal medikamentös beruhigt, wenn sie versuchten zu gehen. Ich habe das nie als gute Lösung empfunden. Es fühlte sich an wie das Wegnehmen der letzten Möglichkeit, sich auszudrücken. Ich weiß, dass solche Entscheidungen in akuten Situationen manchmal als notwendig gelten. Aber es gibt andere Wege. In einigen Ländern sind geschlossene Einrichtungen ohne gerichtliche Genehmigung rechtlich nicht erlaubt, weil das Einschränken der Bewegungsfreiheit ohne rechtliche Grundlage als Freiheitsberaubung gilt. In den Niederlanden gibt es Hogewey, ein sogenanntes Demenz-Dorf, in dem Menschen mit Demenz in einer offenen, aber sicheren Gemeinschaft leben, umgeben von Alltagsleben statt von gesicherten Türen. Das Modell zeigt, dass Sicherheit und Freiheit kein Widerspruch sein müssen. Ob und wann solche Ansätze breiter umgesetzt werden, bleibt offen. Aber sie zeigen, dass es mehr als eine Antwort auf diese Frage gibt.
Wenn jemand bereits weg ist
Ruhig bleiben. Das ist leichter gesagt als getan, aber Panik macht es schwerer, klar zu denken. Zuerst die nähere Umgebung absuchen. Dann vertraute Orte prüfen, frühere Wohnungen, Kirchen, Parks, Lieblingscafés, Orte, die früher wichtig waren. Nachbarn informieren. Die Polizei frühzeitig anrufen, sie ist in solchen Situationen ein wichtiger Partner. Ein aktuelles Foto und eine Beschreibung der Kleidung bereithalten.
Wenn die Person zurück ist: keine Vorwürfe. Erst beruhigen, dann in Ruhe überlegen, was den Impuls ausgelöst haben könnte.
Was ich Angehörigen sagen möchte, die das alleine tragen
In der Einrichtung waren wir manchmal zu zweit oder zu dritt, wenn jemand unruhig wurde. Das hat vieles leichter gemacht. Wer zu Hause alleine pflegt, hat diese Unterstützung nicht. Wenn der Drang zu gehen häufiger wird, wenn die Angst vor dem nächsten Mal den Alltag bestimmt, wenn der Schlaf kürzer wird, dann ist das ein deutliches Zeichen, dass Unterstützung gebraucht wird. Nicht als Zeichen von Versagen, sondern als Zeichen, dass die Situation mehr verlangt, als eine Person alleine geben kann. Wie sich diese Erschöpfung aufbaut und wann es wichtig wird, Hilfe zu holen, beschreibe ich in Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen, Warnsignale und Selbstfürsorge.
Ein letzter Gedanke
Tom war über achtzig und kletterte über Zäune, um zu jemandem zu kommen, der ihm wichtig war. Das ist kein Krankheitssymptom. Das ist ein Mensch, der liebt.
Haben Sie erlebt, wie jemand immer wieder versucht hat zu gehen? Haben Sie einen Weg gefunden, der geholfen hat, oder einen Moment, in dem Sie verstanden haben, was dahintersteckte? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym
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🔗 Weiterführende Beiträge
Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz
Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe
Beitrag 3: Bewegung bei Demenz
Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen
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Du musst diesen Weg nicht allein gehen.