Abendliche Unruhe bei Demenz : Hilfe in Saarbrücken
Abendliche Unruhe bei Demenz in Saarbrücken: Ursachen, Frühzeichen & 5 Anti-Sundowning-Strategien. Lokale Unterstützung für pflegende Angehörige
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Sundowning bei Demenz: Wenn der Abend schwer wird
Beitrag 19
Sundowning bei Demenz: Wenn der Abend schwer wird
Sundowning gehört zu den rätselhaftesten und erschöpfendsten Seiten der Demenz. Jeden Abend dieselbe Unruhe, dieselbe Verwirrung, derselbe Drang zu gehen. Dieser Beitrag erklärt, was dahintersteckt, und was in solchen Momenten wirklich helfen kann.
Ich war noch nicht einmal angestellt.
Mein Vorstellungsgespräch war gerade zu Ende. Ich wollte die Einrichtung verlassen und stand an der gesicherten Eingangstür, wartete darauf, dass jemand vom Personal kam und aufschloss. Und dann stand plötzlich Emil neben mir.
Auch er wollte durch diese Tür. Mit seinem Rollator, auf dem ein gepackter Koffer stand, alles ordentlich verstaut, alles bereit.
Ich schaute mich um. Kein Personal in Sichtweite. Niemand, den ich hätte rufen können. Wenn jemand die Tür öffnete, würden wir beide hinausgehen. Ich durfte das. Er nicht.
Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, was ich dann getan habe. Es war kein Plan, keine Technik, die ich irgendwo gelernt hatte. Es war einfach das Erste, was mir einfiel.
Ich fragte ihn, ob er mir die Einrichtung zeigen würde.
Emil zögerte kurz. Dann drehte er sich um.
Er zeigte mir den Aufenthaltsraum. Er zeigte mir den Nebenraum, den er selbst noch nie betreten hatte, weil er nie an Aktivitäten teilgenommen hatte. Er führte mich zu dem kleinen Gartenbereich hinten, den ich durch das Fenster gesehen hatte, als ich ankam. Er zeigte mir die Badezimmer, die Flure, sein Zimmer.
Es war viel Laufen für einen Mann seines Alters mit einem Rollator und einem gepackten Koffer.
Als wir schließlich in seinem Zimmer ankamen, setzte er sich auf sein Bett. Er wirkte erschöpft, aber ruhig. Der Drang zu gehen war irgendwo auf dem Weg durch die Gänge liegen geblieben.
Ich habe den Job bekommen. Aber was Emil mir an diesem ersten Tag beigebracht hat, war mehr wert als alles, was danach kam.
Was Sundowning wirklich ist
Was Emil erlebte, hat einen Namen: Sundowning. Die zunehmende Unruhe, Verwirrung oder Aggression am späten Nachmittag oder frühen Abend, die viele Menschen mit Demenz regelmäßig zeigen.
Es ist kein schlechter Charakter. Es ist keine Absicht. Es ist die Erschöpfung eines Gehirns, das den ganzen Tag versucht hat, eine Welt zu navigieren, die sich immer fremder anfühlt.
Gegen Abend ist die kognitive Reserve aufgebraucht. Das Tageslicht schwindet, was die innere Uhr durcheinanderbringt. Alte Muster und Rollen melden sich, der Körper, der jahrzehntelang um diese Zeit nach Hause gegangen ist, zur Arbeit, zu den Kindern, irgendwohin wo er gebraucht wurde. Und plötzlich ist da dieser starke, dringende Impuls: Ich muss jetzt los.
Typische Zeichen sind Umherlaufen, Türenprüfen, Taschen packen, wiederkehrende Fragen nach Hause oder Familie, plötzliche Gereiztheit oder Tränen ohne erkennbaren Auslöser. Mehr darüber, was hinter diesem Drang zu gehen steckt und wie man damit umgeht, beschreibe ich in Beitrag 23: Was tun bei Demenz und Weglaufen.
Was in solchen Momenten hilft
Emil hat mir ohne Worte gezeigt, was funktioniert. Nicht Korrigieren. Nicht Blockieren. Nicht erklären, dass er doch schon zu Hause ist.
Sondern umlenken. Einen anderen Zweck geben. Den Körper beschäftigen, während der Kopf sich beruhigt.
Das klingt einfach. In der Praxis ist es das nicht immer. Manchmal ist man zu erschöpft, um ruhig zu bleiben. Manchmal weiß man einfach nicht, was man noch versuchen soll, auch wenn man ausgeruht ist. Und manchmal hat man alles versucht und nichts hat funktioniert. Das gehört auch zur Wahrheit. Besonders schwer ist es, wenn es der dritte Abend in Folge ist und man weiß, dass in einer Stunde dasselbe wieder passieren könnte.Aber ein paar Dinge helfen verlässlicher als andere.
Den Impuls begleiten statt bekämpfen. „Ja, lass uns kurz rausgehen" funktioniert besser als „Du bist doch zu Hause." Das Bedürfnis ist echt, auch wenn der Inhalt es nicht ist. Wer das Bedürfnis anerkennt, nimmt dem Moment seine Schärfe. Mehr dazu, warum Korrigieren bei Demenz fast immer nach hinten losgeht, steht in Beitrag 9: Kommunikation bei Demenz, Verstehen statt korrigieren.
Reize früh reduzieren. Ab etwa 16 Uhr weniger Lärm, weniger Fernsehen, weniger Besuch. Das klingt nach Einschränkung, ist aber eher Schutz. Das Gehirn braucht weniger Input, nicht mehr, wenn die Kapazitäten zur Neige gehen.
Feste Abendrituale einführen. Dieselbe Tasse Tee, dieselbe Musik, dasselbe Licht. Vertrautheit wirkt beruhigend, wenn die Orientierung schwindet. Was Rituale und Struktur bei Demenz bedeuten, beschreibe ich in Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz, Orientierung durch Rituale.
Bewegung am Nachmittag einplanen. Bei manchen Menschen kann ein kurzer Spaziergang oder eine einfache körperliche Tätigkeit am frühen Nachmittag die abendliche Unruhe mildern. Nicht bei allen, und nicht immer, aber es ist einen Versuch wert. Mehr dazu in Beitrag 3: Bewegung bei Demenz, wenn der Körper sich erinnert.
Sanfte Beschäftigung anbieten. Ein Fotoalbum, leichte Handarbeit, ein kurzes Gespräch über früher. Nichts Forderndes, nichts Neues. Einfach etwas Vertrautes in die Hände legen. Mehr Ideen dazu in Beitrag 4: Kreative Tätigkeiten bei Demenz, 5 einfache Impulse. Was unruhige Hände in solchen Momenten brauchen, beschreibe ich in Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe.
Was Sundowning für Angehörige bedeutet
Jeden Abend dieselbe Welle. Manchmal weiß man, dass sie kommt, und wartet schon den ganzen Tag darauf. Diese Erwartung ist erschöpfend auf eine eigene Art.
Es ist in Ordnung, wenn man manchmal nicht mehr kann. Wenn man ungeduldig wird. Wenn man sich wünscht, es wäre anders. Das macht einen nicht zu einer schlechten Pflegeperson. Es macht einen zu einem Menschen, der zu lange zu viel alleine trägt.
Wenn die Abende regelmäßig zur Krise werden, wenn der Schlaf immer kürzer wird, wenn die eigene Erschöpfung wächst, dann ist Unterstützung keine Schwäche, sondern eine notwendige Entscheidung. Tagespflege kann helfen, weil ein strukturierter Tag mit Licht, Bewegung und sozialen Momenten die abendliche Unruhe nachweislich reduziert. Und professionelle Beratung kann helfen, den Alltag so anzupassen, dass die Abende für beide Seiten leichter werden.
Wie sich Schlafmangel durch die Pflege aufbaut und wo Sie in Saarbrücken konkrete Unterstützung finden, beschreibe ich in Beitrag 20: Schlafmangel durch Demenz-Pflege. Und wenn Sie wissen möchten, wann Erschöpfung gefährlich wird, steht mehr in Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen, Warnsignale und Selbstfürsorge.
Wenn Sie in Saarbrücken oder dem Saarland Unterstützung suchen, ist der Pflegestützpunkt Saarbrücken die erste Anlaufstelle: 0681 506-5322. Die beraten kostenlos zu Tagespflege, Entlastungsangeboten und allem, was den Alltag leichter machen kann. In Zukunft finden Sie hier auch ein Verzeichnis mit Kontakten für andere Regionen in Deutschland.
Ein letzter Gedanke
Emil hat seinen Koffer nie wirklich ausgepackt. Das Personal hatte seine Kleidung in die Schubladen geräumt, aber der Koffer stand weiterhin auf dem Rollator. Und gelegentlich, nicht jeden Tag, aber immer wieder, wurde er an der Eingangstür gesehen. Bereit zu gehen.
Den Garten kannte er gut. Das war sein Ort, dort verbrachte er seine Zeit. Was er an jenem Nachmittag zum ersten Mal wirklich wahrgenommen hatte, war der Aktivitätenraum nebenan, ein Raum, in dem er nie gewesen war, weil er nie an irgendwas teilgenommen hatte.
Die traditionellen Aktivitäten, die andere Mitarbeiter anboten, Handarbeiten, Zeichnen, Basteln, waren nichts für ihn. Er kam nicht. Er setzte sich nicht dazu. Das war bekannt.
Aber dann gab es die anderen Aktivitäten. Ein Angelspiel, bei dem eine Schnur mit einem Magneten an einem Stock befestigt war und man damit kleine Fische aus einem Becken angeln musste. Eierschachtelstücke, die man in bestimmte Formen zusammensetzen konnte. Hands-on, konkret, etwas zum Anfassen und Bewegen.
Emil kam. Nicht jeden Tag. Aber er kam.
Was er mir beigebracht hat, ohne es je so zu nennen: Die richtige Aktivität ist nicht die, die für alle funktioniert. Sie ist die, die für diesen einen Menschen passt. Und manchmal muss man erst einen Magneten an eine Schnur binden, bevor man herausfindet, was das ist.
Haben Sie einen Moment erlebt, in dem etwas Unerwartetes die Abendunruhe gelöst hat? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym. Manchmal sind es die einfachsten Dinge, die am meisten helfen
Was tue ich, wenn ich selbst am Limit bin?
Kurzzeitpflege oder Nachtdienst nutzen.
Pflegestützpunkt Saarbrücken: 0681 506-5322
Telefonseelsorge (24/7): 0800 111 0 111
Burnout erkennen: 👉Blog 13: Burnout bei Angehörigen
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