Demenz verstehen: sanfte Orientierung für Angehörige
Sanfte Unterstützung für Angehörige von Menschen mit Demenz: kleine Routinen, Entlastung, Selbstfürsorge und ruhige Impulse für einen leichteren Alltag.
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Wenn der Alltag zu viel wird: Unterstützung für pflegende Angehörige
Beitrag 7
Jeden Morgen fragte Otto nach ihr, noch bevor der Tag richtig angefangen hatte. Wo sie sei. Wann sie kommt. Meine Antwort war immer dieselbe: nach dem Mittagessen. Sasha kam jeden Tag, immer nach eins. Sie hatte immer denselben Sessel. Saß neben Otto und erzählte ihm von ihrem Tag. Dem kleinen Hund. Was sie eingekauft hatte. Was draußen los war. Otto hörte zu, auf seine Weise. An diesem Tag stand sie auf, zog ihre Jacke an und sagte: „Montag kann ich nicht kommen. Ich hab Chemo." Dann war sie weg. An den Tagen, an denen sie wegen der Chemo nicht kommen konnte, sagte ich Otto, dass sie ein paar Dinge zu erledigen habe und in ein paar Tagen wieder da sei. Mehr brauchte es nicht.
Nach ein paar Monaten merkte ich, dass er weniger aß. Die Teller kamen halb voll zurück. Also änderte ich meine Antwort ein bisschen. Nicht viel. Nur: Sasha kommt, sobald du aufgegessen hast. Manchmal hat es geholfen. Sie kam zurück. Irgendwann, Wochen später, vielleicht Monate, die Zeit verschwimmt in so einer Arbeit, erwähnte sie beim Gehen, dass sie in Remission sei. Auch das beiläufig. Auch das beim Anziehen der Jacke. Sasha besuchte Otto jeden Tag. Sie hatte Krebs. Sie hatte einen kleinen Hund. Und sie hat nie einmal so getan, als wäre das alles zu viel.
Was niemand sieht
Sasha hatte uns. Sie konnte jeden Tag hereinkommen, eine Stunde neben Otto sitzen und danach einfach wieder gehen. Sie wusste, dass er versorgt war. Dass jemand auf ihn achtete. Die meisten pflegenden Angehörigen haben das nicht.
Wer jemanden zu Hause pflegt und selbst zum Arzt muss, muss zuerst jemanden organisieren, der in der Zeit übernimmt. Wer einkaufen fährt, muss entscheiden: mitnehmen oder allein lassen. Den Angehörigen mitnehmen bedeutet: anziehen, erklären, dass man weggeht, damit es keine Panik gibt. Dann der Rollator, der je nach Größe des Autos und Gewicht des Gestells zur eigenen Herausforderung wird. Der Einkauf selbst. Und dann, wieder zu Hause, vor der eigenen Haustür, kommt vielleicht der Satz: Wo sind wir? Das ist nicht mein Zuhause. Man steht vor der Tür, die Einkaufstaschen in der Hand, und muss jetzt jemanden ins Haus bringen, der nicht glaubt, dass es seins ist. Den Angehörigen allein lassen bedeutet etwas anderes. Ich kenne jemanden, dessen Angehöriger in ihrer Abwesenheit draußen Äste gesammelt und im Wohnzimmer ein Feuer angezündet hat. Das ist keine Übertreibung. Das sind Momente, die passieren, wenn jemand nicht beaufsichtigt werden kann und gleichzeitig das eigene Leben weitergeht.
Pflegende Angehörige funktionieren. Von außen sieht es oft gar nicht so schlimm aus. Was niemand sieht: dass hinter diesem Funktionieren ein logistisches Gewicht steckt, das sich kaum in Worte fassen lässt. Dass der eigene Arzttermin seit Monaten auf dem Zettel steht. Dass an Schlafen kaum zu denken ist. Dass das Leben, das man vor der Pflege hatte, irgendwo still verschwunden ist, ohne dass man genau sagen könnte, wann. Das ist der Alltag von sehr vielen Menschen in Deutschland.
Wenn aus „es geht" ein „ich kann nicht mehr" wird
Es gibt einen Moment, den viele pflegende Angehörige kennen. Einen Moment, in dem sie merken, dass sie noch funktionieren, aber nicht mehr wirklich leben. Alles, was früher selbstverständlich war, eine Verabredung, ein freier Abend, ein Spaziergang ohne schlechtes Gewissen, ist irgendwie weggefallen. Nicht durch eine große Entscheidung. Einfach so, weil immer etwas anderes dringender war. Das ist kein Versagen. Es ist ein Zeichen, dass jemand sehr lange sehr viel allein getragen hat.
Wenn Sie gerade an einem Punkt sind, an dem sich die Erschöpfung festgesetzt hat und sich nicht mehr ignorieren lässt, ist Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen für Sie geschrieben.
Was das System bietet, und wo es endet
Viele Angehörige wissen nicht genau, was ihnen zusteht. Oder sie wissen es ungefähr, haben aber keine Zeit, sich darum zu kümmern. Wer einen Angehörigen mit Pflegegrad 2 oder höher zu Hause pflegt, hat Anspruch auf Verhinderungspflege. Das bedeutet: Wenn die pflegende Person vorübergehend ausfällt, krank ist oder eine Auszeit braucht, kann eine Ersatzperson finanziert werden. Seit Juli 2025 gibt es dafür ein gemeinsames Jahresbudget von bis zu 3.539 Euro, das flexibel für Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege genutzt werden kann. Der einfachste erste Schritt, wenn man nicht weiß, wo anfangen: der Pflegestützpunkt. Er berät kostenlos, unabhängig und kann bei Bedarf auch zu Ihnen nach Hause kommen. Den nächsten finden Sie über Ihre Pflegekasse oder direkt auf der Seite der AOK mit einer Postleitzahlsuche.
Die kleinen Anker
Entlastung kommt selten durch große Lösungen. Meistens durch kleine, wiederkehrende Momente, die einem kurz zurückgeben, wer man außerhalb der Pflege ist. Eine Tasse Tee am Morgen, bevor der Tag anfängt. Fünf Minuten draußen, auch wenn es nur bis zur Ecke geht. Musik, die man wirklich mag, richtig gehört. Mehr dazu, wie Klang und Vertrautheit wirken können, steht in Beitrag 25: Geruch und Klang bei Demenz. Das klingt nach wenig. Aber wer lange pflegt, verliert oft das Gefühl dafür, dass die eigenen Bedürfnisse überhaupt zählen. Diese kleinen Momente sind eine Erinnerung daran, dass sie es tun.
Sie müssen das nicht allein lösen
Um Hilfe bitten fällt vielen pflegenden Angehörigen schwer. Nicht weil keine Hilfe da wäre, sondern weil das Bitten sich anfühlt wie ein Eingeständnis, dass man es nicht schafft. Pflege auf andere Schultern zu verteilen, auch nur teilweise, bedeutet nicht, weniger zu sorgen. Es bedeutet, dass der Mensch, dem Sie sich widmen, weiterhin gut begleitet wird, auch von einer Version von Ihnen, die zwischendurch etwas Luft hatte. Der erste Satz muss kein perfekter Hilferuf sein. Manchmal reicht: Ich brauche kurz jemanden, der übernimmt.
Ich hoffe, Sasha hatte jemanden. Jemanden, der auch mal gefragt hat, wie es ihr geht.
Haben Sie selbst einen Moment erlebt, in dem Sie gemerkt haben, dass Sie Unterstützung brauchen? Oder einen Trick, der Ihnen im schweren Pflegealltag geholfen hat? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym. Solche Hinweise nehme ich gerne auf und versuche, sie in passende Beiträge einfließen zu lassen.
🔗 Weiterführende Beiträge
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• Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz – für Momente, die auch Ihnen Kraft geben können
• Beitrag 3: Bewegung bei Demenz – sanfte Wege, sich selbst etwas Gutes zu tun
• Beitrag 5: Vergesslichkeit oder Demenz? – wenn Unsicherheit zusätzlich belastet