Schuldgefühle bei pflegenden Angehörigen verstehen

Schuldgefühle begleiten viele pflegende Angehörige. Erfahren Sie, warum sie entstehen, was sie über Ihre Liebe aussagen und welche Strategien in schweren Momenten helfen können.

VERTRAUTHEIT & ERINNERUNG

Kraftwald

3/10/20268 min lesen

Angehörige einer Person mit Demenz in ruhigem Moment der Selbstreflexion über Schuldgefühle und Selbstfürsorge
Angehörige einer Person mit Demenz in ruhigem Moment der Selbstreflexion über Schuldgefühle und Selbstfürsorge

Schuldgefühle bei Demenz-Pflege: Warum sie normal sind & was hilft

Beitrag 27

Schuldgefühle gehören zu den häufigsten und am wenigsten besprochenen Begleitern im Demenz-Alltag. Nicht weil sie selten sind, sondern weil sie so leise kommen. Dieser Beitrag schaut ehrlich hin, woher sie kommen, was sie wirklich bedeuten, und was manchmal ein kleines bisschen hilft. Tom sprach mit jedem über Anna. Beim Frühstück, beim Spaziergang, wenn er abends am Fenster saß. Ich war eine der Wenigen, die sich hinsetzten und zuhörten. Tom lebte in einer geschlossenen Demenzeinrichtung, in der ich arbeitete. Geschlossen bedeutet: die Türen waren gesichert. Man konnte nicht einfach hinausgehen. Man war auf andere angewiesen, um die Welt da draußen zu erreichen. Toms Familie meldete sich selten. Besuche waren rar. Und so lebte er seine Tage in diesem Gebäude, mit dem, was er noch hatte: seinen Erinnerungen.

Und er sprach ständig von einer Frau namens Anna. Beim Frühstück. Beim Spaziergang. Wenn er abends am Fenster saß. Es war keine gewöhnliche Erinnerung. Anna klang nach jemandem, den er bewundert hatte, vielleicht sogar geliebt, still und über lange Zeit. Einer, bei der er nie ganz angekommen war, oder vielleicht nie ganz gegangen. Er wollte sie wiedersehen. Er wollte ihr sagen, dass er an sie gedacht hatte. Aber er saß hinter gesicherten Türen, und seine Familie kam kaum. Er sprach mit jedem über Anna. Mit anderen Mitarbeitern, mit Mitbewohnern, mit jedem, der auch nur einen Moment innehielt. Er erzählte dieselbe Geschichte immer wieder, weil er hoffte, dass irgendjemand zuhören und etwas tun würde. Die meisten nickten freundlich und gingen weiter. Irgendwann beschloss ich, ihm zu helfen. Ich sprach mit einem seiner Söhne darüber. Er hörte kurz zu und sagte dann: „Das ist wie eine Nadel im Heuhaufen suchen." Und damit war das Thema für ihn erledigt. Für mich nicht. Ich schrieb alle Namen auf, die Tom mir geben konnte. Menschen, die Anna vielleicht gekannt hatten. Einen Vorort, an den er sich erinnerte. Keinen Nachnamen, keine Straße, aber diesen einen Vorort. Ich ging auf Facebook, stellte Anfragen, wartete auf Antworten. Ein paar kamen. Keine davon war die richtige Anna. Und dann fand ich die Todesanzeigen. Die Menschen, deren Namen Tom mir gegeben hatte. Einer nach dem anderen. Alle in seinem Alter, alle längst gestorben.

Ich saß da und wusste nicht, was ich tun sollte. Ihm sagen, dass seine alten Freunde tot sind? Schweigen und so tun, als hätte ich nichts gefunden? Was war richtiger, was war grausamer, was schuldete ich ihm als Mensch? Am Ende habe ich es ihm gesagt. Ich habe ihm von den Todesanzeigen erzählt, und ich habe ihm gesagt, dass ich Anna nicht gefunden hatte. Dass ich es wirklich versucht hatte. Dass mir die falschen Annas geantwortet hatten und ich nicht wusste, wie ich weitermachen sollte. Er sagte: „Das ist wirklich schade." Und dann schaute er kurz aus dem Fenster. Ich glaube, in diesem Moment ist ihm etwas aufgegangen, dass all diese Menschen seines Alters gegangen waren, während er noch da saß. Was genau er dachte, weiß ich nicht. Er hat es nicht gesagt. Aber ich habe noch lange danach daran gedacht. Ob ich das Richtige getan hatte. Ob die Wahrheit das war, was er gebraucht hatte. Ob es besser gewesen wäre zu schweigen.

Und das ist, glaube ich, eine der schwierigsten Formen von Schuld in der Demenzpflege: nicht die Schuld, die aus einem Fehler entsteht, sondern die Schuld, die entsteht, wenn man alles versucht hat und es trotzdem nicht reicht. Wenn man sich fragt, ob die eigene Entscheidung die richtige war, obwohl es vielleicht gar keine richtige Entscheidung gab.

Woher kommen Schuldgefühle in der Demenzpflege

Schuld entsteht in der Lücke zwischen dem, was man sich vornimmt, und dem, was im Alltag wirklich möglich ist. Man nimmt sich vor, ruhig zu bleiben. Und dann kommt der vierte Morgen in Folge, an dem der Angehörige nicht weiß, wer man ist, und man hört sich selbst in einem Ton sprechen, der einem selbst fremd ist. Man nimmt sich vor, geduldig zu sein. Und dann ist man es nicht. Man nimmt sich vor, die richtige Entscheidung zu treffen. Und dann sitzt man abends da und fragt sich, ob man es getan hat. Das schlechte Gewissen rechnet nicht mit dem Alltag. Es rechnet mit dem Ideal. Und das Ideal ist immer erreichbar, weil es nie wirklich gelebt werden muss. Dazu kommen die Auslöser, über die kaum jemand spricht. Die Erleichterung, wenn der Angehörige endlich schläft. Das schlechte Gewissen, das sofort danach kommt, weil man sich bei jemandem erleichtert gefühlt hat, den man liebt. Die Momente, in denen man wütend ist. Und dann die Scham über die Wut.

Schuldgefühle sind kein Zeichen dafür, dass man schlecht pflegt. Sie sind oft das genaue Gegenteil: ein Zeichen dafür, wie sehr einem das alles liegt. Wie sich diese Erschöpfung langfristig auf Pflegende auswirkt, beschreibe ich in Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen, Warnsignale und Selbstfürsorge.

Eine zweite Geschichte: Wenn man nichts tun kann

Es gibt noch eine andere Art von Schuld, die ich in meiner Zeit in der Einrichtung kennengelernt habe. Eine, über die noch weniger gesprochen wird. Ich nenne ihn Ivan. Ivan hatte seine Frau Eva über zwanzig Jahre lang geliebt. Sie hatten Kinder, ein Leben, eine Geschichte. Und dann, in der Einrichtung, hatte Ivan begonnen, eine andere Bewohnerin für seine Frau zu halten. Er saß stundenlang bei ihr. Er hielt ihre Hand. Er glaubte, sie zu kennen. Eva kam zu Besuch und wusste nicht, wohin mit sich. Sie verlor ihren Mann zweimal. Einmal an die Krankheit. Einmal an eine andere Frau, die er für sie hielt. Als Pflegerin stand ich dazwischen und hatte keine gute Antwort. Was war richtiger: Ivan zu korrigieren und ihm den einzigen Moment des Trostes zu nehmen, den er noch hatte? Oder Eva zuzusehen, wie sie in der Tür stand und versuchte, nicht zu weinen?

Es gibt keine saubere Lösung für solche Momente. Nur Menschen, die ihr Bestes tun, in einer Situation, die kein Bestes zulässt. Evas Schmerz war real. Ihre Verwirrung war real. Und auch das Gefühl, als Pflegerin nicht genug tun zu können, war real.

Wie sich Emotionen bei Demenz verändern und warum solche Situationen entstehen, erkläre ich in Beitrag 14: Emotionen bei Demenz, Angst, Trauer und Freude verstehen. Und was antizipierende Trauer bedeutet, also das Vermissen eines Menschen, der noch da ist, beschreibe ich in Beitrag 16: Antizipierende Trauer, wenn man jemanden vermisst, der noch da ist.

Was Schuldgefühle wirklich messen

Schuld misst keine Realität. Sie misst Erwartungen, und die Erwartungen, die pflegende Angehörige an sich selbst stellen, sind oft so hoch, dass kein Mensch sie erfüllen könnte. Was das schlechte Gewissen also wirklich sagt, ist nicht: „Du bist nicht gut genug." Es sagt: „Dir liegt das hier am Herzen." Es sagt: „Du willst es richtig machen." Das ist keine Kleinigkeit. Gleichgültigkeit würde sich nicht schuldig fühlen. Wenn die Schuldgefühle besonders laut werden, lohnt es sich nachzuschauen, ob dahinter nicht vor allem Erschöpfung steckt. Müde Menschen sind härter zu sich selbst. Sie sehen Fehler größer. Sie vergessen, was gelungen ist.

Die Schuld, die niemand benennt: Wenn die Last ungleich verteilt ist

Wenn Geschwister da sind, aber weniger tragen. Wenn man selbst jeden Tag kommt und die anderen nur gelegentlich. Wenn jemand von außen sagt: „Du machst das so toll", und man innerlich denkt: „Ich habe keine Wahl." Dann kommt manchmal Wut. Und auf die Wut folgt Schuld, weil man wütend auf Menschen ist, die man eigentlich liebt.

Diese Mischung aus Erschöpfung, Wut und Einsamkeit in der Verantwortung ist eine der schwersten im Pflegealltag. Und sie ist verständlich. Sie bedeutet nicht, dass man versagt. Sie bedeutet, dass man zu viel alleine trägt.

Was manchmal ein kleines bisschen hilft

Kein Versprechen. Manches davon wird sich richtig anfühlen, manches nicht.

Den Maßstab hinterfragen. Wenn das schlechte Gewissen kommt, manchmal hilft es, sich zu fragen: Würde ich das von einem anderen Menschen verlangen? Würde ich sagen, dass jemand anderes versagt hat, wenn er genauso gehandelt hätte wie ich heute? Für manche Menschen hilft diese Frage. Für andere, besonders wenn die Erschöpfung sehr tief sitzt, kommt die Antwort nicht so leicht. Auch das ist normal.Den Moment anerkennen, nicht wegdrücken. Schuldgefühle werden nicht kleiner, wenn man sie ignoriert. Manchmal hilft es, sie kurz anzuerkennen: „Ich fühle mich gerade schuldig. Das darf sein." Und dann weiterzumachen.

Einen gelungenen Moment festhalten. Das Gehirn neigt unter Stress dazu, Fehler zu speichern und Gelungenes zu übersehen. Ein kurzer Gedanke am Abend: Was hat heute geklappt? Ein ruhiger Moment. Ein Lachen. Ein Händedruck. Die Dinge, die passiert sind, obwohl der Tag schwer war. Austausch suchen. Nicht um Ratschläge zu bekommen, sondern um zu hören: „Mir geht das auch so." Dieser eine Satz kann erstaunlich viel tragen.

Ein letzter Gedanke

Ich habe Tom nie vergessen. Ich weiß nicht, ob ich damals das Richtige getan habe. Ich weiß nur, dass ich es versucht habe. Dass ich zugehört habe. Dass ich seinen Nachmittagen Zeit gegeben habe, als er von Anna sprach, weil es ihm wichtig war. Vielleicht ist das überhaupt das Einzige, was in solchen Momenten reicht: da sein, zuhören, versuchen. Nicht perfekt sein. Nicht alle Antworten haben. Nur ehrlich bleiben und weitermachen.

Sie dürfen Fehler machen. Sie dürfen nicht wissen, was richtig ist. Sie dürfen am Abend noch darüber nachdenken. Und Sie können trotzdem eine gute Pflegeperson sein. Beides schließt sich nicht aus.

Kennen Sie dieses Gefühl, alles versucht zu haben und trotzdem nicht zu wissen, ob es genug war? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym. Manchmal hilft es einfach zu wissen, dass jemand anderes versteht, wie sich das anfühlt. Manchmal hilft es einfach zu wissen, dass jemand anderes versteht, wie sich das anfühlt.Statt zu denken: „Ich hätte geduldiger sein sollen.“ könnte ein anderer Satz entstehen: „Ich war heute so geduldig, wie ich in diesem Moment sein konnte.“

🌼 Für Angehörige in Saarbrücken und Umgebung

Schuldgefühle sind universell. Aber Sie müssen sie nicht allein tragen.

Unterstützung und Austausch finden Sie hier: KISS Selbsthilfe, Futterstraße 27, Saarbrücken Tel. 0681 9602130 selbsthilfe-saar.de

🔗 Weiterführende Beiträge

👉 Weiter: Beitrag 28: Demente Mutter beschuldigt mich: warum das passiert
👈 Zurück: Beitrag 26: Teilnahmslosigkeit bei Demenz:

👉 Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz: Orientierung durch Rituale
👉 Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe: Wenn Hände Bedürfnisse zeigen
👉 Beitrag 3: Bewegung bei Demenz: Wenn der Körper sich erinnert
👉 Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen
👉 Beitrag 14: Emotionen bei Demenz : Angst, Trauer und Freude verstehen
👉 Beitrag 15: Würde bei Demenz: Warum Babysprache schadet
👉 Beitrag 16: Antizipierende Trauer: Wenn man jemanden vermisst, der noch da ist
👉 Beitrag 19: Sundowning: Wenn der Abend schwer wird
👉 Beitrag 20: Wenn Pflege den Schlaf raubt
👉 Demenz-Hilfe-Saarbrücken

Vielleicht lesen Sie das gerade in einem Moment, in dem das Gedankenkarussell nicht still wird.

🚨 🌿 Wenn das schlechte Gewissen gerade laut ist

Wenn Sie diesen Beitrag lesen und sich gerade schuldig fühlen, halten Sie einen Moment inne.

Sie müssen das jetzt nicht lösen.

Vielleicht helfen Ihnen diese Gedanken:

1. Sie sind nicht allein
Viele Angehörige fühlen genau das, was Sie gerade fühlen — auch wenn kaum jemand darüber spricht.

2. Schuld bedeutet nicht, dass Sie etwas falsch gemacht haben
Oft zeigt sie nur, wie wichtig Ihnen dieser Mensch ist.

3. Sie dürfen erschöpft sein
Müdigkeit verändert den Blick. Dinge fühlen sich schwerer und falscher an, als sie sind.

4. Es gibt nicht immer eine richtige Entscheidung
Manchmal gibt es nur Entscheidungen, die unter schwierigen Umständen getroffen wurden.

5. Für diesen Moment reicht es, dass Sie da sind
Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Einfach da.

💛 Ein Satz für jetzt:
„Ich habe heute so gut gehandelt, wie ich konnte.“

in einem Moment, in dem sie ihre Schuldgefühle wahrnimmt
in einem Moment, in dem sie ihre Schuldgefühle wahrnimmt