Vertrautheit bei Demenz: Orientierung durch Rituale

Warum vertraute Gerüche, Musik und Rituale bei Demenz Türen öffnen: Sie schaffen Sicherheit, Orientierung und emotionale Nähe, wenn Worte nicht mehr erreichen.

VERTRAUTHEIT & ERINNERUNG

KraftWald

12/10/20254 min lesen

Ältere Frau genießt morgens Kaffee an einem Holztisch, umgeben von vertrauten und Geborgenheit für Menschen mit Demenz
Ältere Frau genießt morgens Kaffee an einem Holztisch, umgeben von vertrauten und Geborgenheit für Menschen mit Demenz

Vertrautheit bei Demenz: Was ich aus Neuseeland mitgebracht habe

Beitrag 1

Mein Kopf schwirrt vor Ideen. Mein Computer ist übersät mit Blogthemen, Dinge, die ich erlebt habe, Dinge, die ich gelesen habe, Dinge, die ich einfach weitergeben möchte, ohne Fachjargon, ohne komplizierte Sprache, für alle, die sie brauchen können. Die meisten dieser Beiträge kommen aus dem, was ich in Neuseeland gesehen und getan habe.

Dieser Beitrag ist anders. Dieser Beitrag ist das, was ich ausprobieren möchte, wenn ich die Chance bekomme, hier in Deutschland zu arbeiten. Ideen, die mir nicht loslassen. Dinge, bei denen ich neugierig bin, ob sie in einem deutschen Kontext genauso funktionieren könnten wie in Neuseeland, oder vielleicht sogar besser. Ich habe noch nicht in einer deutschen Einrichtung gearbeitet, das sage ich ganz offen. Aber vielleicht kennt jemand von Ihnen diese Ideen schon, hat etwas davon ausprobiert, und weiß, ob es geklappt hat.

Was ich in Neuseeland gelernt habe

In der Einrichtung, in der ich gearbeitet habe, war ich als Aktivitätskoordinatorin tätig. Ich hatte selten die Zeit, mich lange mit einer einzelnen Person zu beschäftigen. Ich hatte einen ganzen Raum voller Menschen, die alle etwas anderes brauchten. Was ich schnell gelernt habe: Neues hilft selten. Vertrautes hilft öfter.

Wenn das Kurzzeitgedächtnis nachlässt, bleiben ältere Erinnerungen oft erstaunlich klar. Ein Lied aus der Kindheit. Ein Geruch. Eine Bewegung, die der Körper seit Jahrzehnten kennt. Diese Dinge können jemanden erreichen, der für neue Impulse längst nicht mehr erreichbar scheint. Das ist keine Garantie. Aber es ist bei manchen Menschen einen Versuch wert.

Ein Lied, eine offene Zeile

Eine Idee, die ich in Neuseeland erprobt habe und die ich mir gut für Deutschland vorstellen kann: Ein bekanntes Lied beginnen und die letzte Zeile offen lassen. Nicht abschließen. Warten.

In Neuseeland haben wir das auf Englisch gemacht. „Let it be, let it be..." und dann Pause. „We all live in a yellow submarine..." und schauen, wer weitermacht. „Sweet Caroline..." und manchmal kam aus dem Raum, ganz von selbst: „Good times never seemed so good!" Wir haben auch Kinderreime benutzt. „Humpty Dumpty sat on a wall..." und manche Bewohner rezitierten den ganzen Vers auswendig, ruhig und sicher, als läsen sie ihn von einer Tafel ab. Das hat mich jedes Mal überrascht. Menschen, die im Alltag kaum noch sprachen, kannten diese Zeilen noch. Sie saßen irgendwo tief, weit unterhalb dessen, was die Demenz erreicht hatte.

Jetzt frage ich mich, ob das auf Deutsch genauso funktioniert. Ob jemand bei „Hejo, spann den Wagen an..." automatisch weitermacht. Ob „Alle meine Entchen schwimmen auf dem See..." eine Zeile auslöst, die jemand seit sechzig Jahren nicht gesagt hat. Ob „Hänschen klein, ging allein..." oder „Hoppe hoppe Reiter..." etwas öffnet, das sonst verschlossen bleibt. Oder „Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit..." ich könnte mir vorstellen, dass dieser Vers bei manchen Menschen sehr tief sitzt.

Nummernschilder und Kindheitserinnerungen

Ich erinnere mich, wie ich als Kind durch Parkplätze gegangen bin und die Nummernschilder gelesen habe. HH, Hansestadt Hamburg. AA, Aachen. Das war ein Spiel. Jedes Kennzeichen stand für einen Ort, und man wusste sie alle. Ich frage mich, ob das bei Menschen mit Demenz noch sitzt. Ob jemand, der heute kaum noch spricht, ein altes Bild mit Autos sieht und ruhig sagt: HH. Oder KA. Oder M.

Das ist eine Vermutung. Ich habe es in Deutschland noch nicht ausprobiert. Aber es kostet nichts, ein paar alte Fotos zu suchen, Bilder aus den fünfziger oder sechziger Jahren, Straßenszenen mit Autos, und zu schauen, was passiert. Wenn es nichts auslöst, ist nichts verloren. Wenn es etwas auslöst, hat man einen Weg gefunden.

Vogelstimmen, Jahreszeiten, das Vertraute

Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, kennen bestimmte Klänge seit Kindheit. Die Amsel. Der Kuckuck. Die Kohlmeise im Frühling. Viele dieser Stimmen gibt es auf YouTube, aufgenommen, klar, kostenlos.

Ich denke manchmal, dass ein Kuckucksruf mehr bewirken kann als viele Worte. Ob das stimmt, weiß ich nicht sicher. Aber Klang und Geruch haben in der Demenzpflege eine Kraft, die man nicht unterschätzen sollte. Mehr dazu finden Sie in Beitrag 25: Geruch und Klang.

Jahreszeiten tragen ihr eigenes vertrautes Gewicht. Tannenzweige auf dem Tisch im Dezember. Der erste Kaffeeduft am Morgen. Frisch gemähtes Gras. Diese Dinge brauchen kein Programm. Man muss sie nur zulassen.

Eine Erinnerungsbox

Eine stabile Schachtel, fünf bis zehn Gegenstände aus dem Leben des Menschen. Ein altes Foto. Ein Stück Stoff. Etwas aus dem früheren Beruf. Eine Postkarte aus einer Stadt, die jemand einmal geliebt hat.

Wichtig dabei: Es ist kein Test. Keine Frage wie „Erinnerst du dich daran?" Einfach gemeinsam schauen, und zulassen, was von selbst kommt.

Die Box ist besonders hilfreich in schwierigen Momenten, vor einem Arzttermin, bei Unruhe, an Tagen, an denen nichts zu greifen scheint. Etwas Vertrautes in den Händen zu halten kann beruhigen, wenn Worte nicht mehr helfen.

Was ich mir für Deutschland wünsche

Ich weiß, dass jede Einrichtung anders ist. Manche machen wunderbare Dinge. Andere haben kaum Zeit oder Personal für Aktivitäten, die über das Notwendige hinausgehen.

Was ich mir wünsche, ist nicht mehr Programm. Sondern weniger Scheu vor dem Kleinen. Vor dem Unstrukturierten. Vor einem Lied, das einfach so beginnt. Vor einem Parkplatzfoto, das vielleicht nichts auslöst, und vielleicht doch.

Wenn Sie zu Hause für jemanden sorgen, sind diese Ideen genauso für Sie gedacht wie für Fachkräfte. Sie brauchen kein Budget und keine Ausbildung. Sie brauchen nur die Bereitschaft, etwas auszuprobieren, ohne zu wissen, ob es klappt. Ich habe es noch nicht ausprobiert.

Wenn Sie selbst manchmal das Gefühl haben, keine Kraft mehr dafür zu haben, ist Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen für genau diese Momente geschrieben.

Haben Sie eines dieser Lieder schon einmal ausprobiert? Oder etwas ganz anderes, das bei Ihrem Angehörigen überraschend gut funktioniert hat? Ich bin wirklich neugierig, ob die deutschen Kinderlieder so wirken wie ich es mir vorstelle. Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym.

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