Würde bei Demenz: Warum Babysprache schadet
Würde bei Demenz wahren: Warum Babysprache schadet, wie kleine Entscheidungen helfen und weshalb Erwachsene Erwachsene bleiben: Tipps für Angehörige.
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Identität und Würde bei Demenz: Erwachsene bleiben Erwachsene
Beitrag 15
Würde ist kein Extra, das man Menschen mit Demenz schenkt, wenn man Zeit hat. Sie ist die Grundlage, auf der alles andere aufbaut. Dieser Beitrag schaut ehrlich hin, wie Würde im Pflegealltag verloren geht, oft ohne böse Absicht, und was es braucht, um sie zu bewahren.
Als ich das erste Mal Erik fütterte, trug er ein Lätzchen. Nicht ein schlichtes Tuch, das man diskret unter dem Kinn befestigt. Ein Lätzchen. Das, was man einem Kleinkind umbindet, wenn es essen lernt. Erik war kein Kleinkind. Er war ein erwachsener Mann mit einem ganzen Leben hinter sich. Und er saß da mit einem Lätzchen, wartete darauf, gefüttert zu werden, und konnte nichts dazu sagen.
Ich dachte damals nicht groß darüber nach. So war es eben. Alle machten es so. Aber im Rückblick denke ich, dass das Lätzchen vielleicht ein Teil des Problems war. Nicht das Einzige, aber ein Teil davon. Wenn man jemanden wie ein Kind behandelt, auch nur äußerlich, dann verändert das etwas. Für denjenigen, der es trägt. Und für denjenigen, der es anlegt.
Wie sich das veränderte, als ich Eriks Würde zurückgab, und was dabei wirklich passiert ist, steht ausführlich in Beitrag 17: Ernährung bei Demenz, was gut tut und den Alltag erleichtert. Aber der Kern war einfach: Ich hörte auf, ihn zu behandeln wie jemanden, der versorgt werden muss. Und fing an, ihn zu behandeln wie jemanden, der noch da ist.
Was Würde im Pflegealltag bedeutet
Würde zeigt sich nicht in großen Gesten. Sie zeigt sich in kleinen Entscheidungen, die man oft gar nicht bewusst trifft. Wie man jemanden anspricht. Ob man über die Person redet, während sie im Zimmer sitzt. Ob man klopft, bevor man reingeht. Ob man erklärt, was man gleich tun wird, bevor man es tut. Ob man wartet, auch wenn es langsamer geht. Das klingt selbstverständlich. Aber in einem hektischen Pflegealltag, mit zu wenig Personal und zu vielen Aufgaben, rutscht genau das als erstes weg. Und dann passiert etwas Schleichendes. Die Person mit Demenz hört auf, als Erwachsener behandelt zu werden. Nicht weil jemand böswillig ist, sondern weil Effizienz wichtiger wird als Beziehung. Weil es schneller geht, einfach zu handeln als zu erklären. Weil man sich daran gewöhnt.
Babysprache und warum sie schadet
Verniedlichende Sprache, „Na, mein Schätzchen", übertriebene Betonung, ein kindlicher Tonfall, das alles mag fürsorglich wirken. Aber es verändert die Beziehung auf eine Art, die man spürt, auch wenn man sie nicht benennen kann.
Ein Mensch mit Demenz verliert viele Dinge. Aber er verliert nicht sein Gespür dafür, wie er angesprochen wird. Er verliert nicht das Gefühl, ob jemand ihm gegenüber sitzt oder über ihn hinwegschaut. Ob er ernst genommen wird oder nicht. Babysprache sagt: Du bist kleiner geworden. Ich behandle dich entsprechend. Ein ruhiger, normaler Ton sagt: Du bist noch du. Ich rede mit dir, nicht über dich. Das ist kein kleiner Unterschied. Wie Tonfall, Mimik und nonverbale Signale bei Demenz wirken, beschreibe ich ausführlicher in Beitrag 10: Nonverbale Kommunikation, Ton, Mimik und Stille. Wie man konkret antwortet, ohne zu korrigieren, steht in Beitrag 9: Kommunikation bei Demenz
Kleine Wahlmöglichkeiten, große Wirkung
Würde lebt auch in kleinen Entscheidungen. Tee oder Kaffee. Das blaue oder das grüne Oberteil. Jetzt spazieren gehen oder später. Nicht jede Entscheidung ist immer möglich. Manchmal müssen Dinge eingegrenzt oder übernommen werden, aus Sicherheitsgründen, aus praktischen Gründen. Aber das Anbieten selbst zählt. Es sagt: Dein Geschmack ist noch da. Du bist beteiligt. Statt „Das darfst du nicht" kann man sagen: „Das ist gerade nicht sicher. Wir machen es anders, ich bleibe bei dir." Der Inhalt ist derselbe. Die Wirkung ist eine andere.
Würde in der Körperpflege
Kaum ein Moment ist so intim wie die Körperpflege. Hier treffen Abhängigkeit, Nähe und Scham unmittelbar aufeinander. Würde zeigt sich dabei nicht im Ablauf, sondern in der Art, wie etwas geschieht. Ankündigen, bevor berührt wird. Erklären, was als nächstes passiert. Die Tür schließen. Die Decke nutzen. Den Blick abwenden, wo es möglich ist. Nicht: „Jetzt waschen wir dich schnell." Sondern: „Ich wasche jetzt deinen Arm. Ist das so in Ordnung?" Auch wenn die Antwort leise oder nonverbal bleibt, das Fragen selbst bewahrt etwas. Es sagt: Dein Körper gehört dir. Auch jetzt noch.
Ein weiteres Hilfsmittel, das dabei unterstützt, ist das sogenannte Würdetuch, ein Tuch, das während der Körperpflege über intime Bereiche gelegt wird, sodass die Person bedeckt bleibt, während gewaschen wird. Es klingt wie eine Kleinigkeit, aber es verändert den Moment spürbar. Teepa Snow zeigt den Einsatz eines solchen Tuchs in ihrem Video ab Minute 1:50: Was passiert, wenn das nicht beachtet wird, und wie man Körperpflege so gestalten kann, dass Würde erhalten bleibt, beschreibe ich in Beitrag 24: Warum Menschen mit Demenz nicht duschen wollen.
Was man tun kann, wenn andere es nicht tun
Manchmal ist man nicht derjenige, der pflegt, sondern derjenige, der beobachtet. Ein Familienmitglied, das mitkommt. Ein Angehöriger, der zu Besuch ist und sieht, wie mit dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter gesprochen wird. Das ist schwer. Man möchte nicht unhöflich sein. Man möchte die Beziehung zum Pflegepersonal nicht belasten. Und gleichzeitig sieht man etwas, das sich falsch anfühlt. Was helfen kann: Wünsche und Gewohnheiten klar benennen, am besten schriftlich, sodass jeder weiß, wie die Person angesprochen werden möchte, was ihr wichtig ist, was sie mag und was nicht. Würde nicht als Bitte formulieren, sondern als Selbstverständlichkeit. Nicht „Könnten Sie vielleicht..." sondern „Es ist mir wichtig, dass..."
Und bei wiederholten Beobachtungen, die einen besorgen: ansprechen. Ruhig, konkret, ohne Vorwurf. Meistens ist es keine böse Absicht. Meistens ist es Gewohnheit. Und Gewohnheiten können sich ändern, wenn jemand sie benennt. Wenn Sie selbst merken, dass Ihnen die Geduld dafür fehlt, ist das oft ein Zeichen von Erschöpfung, nicht von Versagen. Mehr dazu in Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen.
Ein kurzer Selbstcheck für den Alltag
Drei Fragen, die helfen können, die Richtung zu halten:
Spreche ich so, wie ich mit einem anderen Erwachsenen sprechen würde? Habe ich heute eine Wahlmöglichkeit angeboten, auch wenn sie klein war? Habe ich erklärt, bevor ich gehandelt habe?
Diese Fragen brauchen keine perfekten Antworten. Sie halten nur die Aufmerksamkeit dort, wo sie hingehört.
Ein letzter Gedanke
Erik hat mir etwas beigebracht, das über das Füttern weit hinausgeht. Er hat mir gezeigt, was passiert, wenn man aufhört, jemanden als Erwachsenen zu behandeln. Und was passiert, wenn man damit wieder anfängt. Er fing an zu lächeln. Nicht sofort, nicht dramatisch. Aber er fing an.
Demenz verändert vieles. Aber sie nimmt einem Menschen nicht seine Würde. Die nehmen wir ihm, wenn wir nicht aufpassen.
Haben Sie einen Moment erlebt, in dem Würde bewahrt oder verletzt wurde, und Sie verstanden haben, wie viel das ausmacht? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym.
🔗 Weiterführend
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