Antizipierende Trauer bei Demenz: Wenn man jemanden vermisst, der noch da ist

Antizipierende Trauer bei Demenz: Warum Angehörige trauern, obwohl der Mensch noch lebt. Wie Sie mit widersprüchlichen Gefühlen umgehen verständlich und einfühlsam erklärt.

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KraftWald

1/26/20265 min lesen

Person erlebt antizipierende Trauer bei Demenz, traurigem Ausdruck und zeigt die emotionale Last der Situation
Person erlebt antizipierende Trauer bei Demenz, traurigem Ausdruck und zeigt die emotionale Last der Situation

Antizipierende Trauer bei Demenz: Wenn man jemanden vermisst, der noch da ist

Beitrag 16

Antizipierende Trauer bei Demenz: Wenn man jemanden vermisst, der noch da ist

Es gibt eine Form von Trauer, die keinen Abschied hat. Keinen Moment, an dem man sagen kann: Jetzt ist es vorbei. Keinen Ort, an dem man hingehen und trauern darf. Der Mensch ist noch da, sitzt vielleicht gerade im Nebenzimmer, und trotzdem trauert man. Das nennt sich antizipierende Trauer, und sie ist eine der stillsten und einsamsten Erfahrungen in der Demenzpflege.

In einem früheren Beitrag habe ich von einer Frau geschrieben, die ihren Mann täglich in der Einrichtung besuchte, auch nachdem er begonnen hatte, eine andere Bewohnerin für sie zu halten. Sie verlor ihn zweimal, einmal an die Krankheit, einmal an jemand anderen, während er noch im selben Gebäude saß. Ihre Geschichte steht in Beitrag 27: Schuldgefühle als Demenz-Angehörige, aber sie gehört genauso hierher. Denn was sie erlebte, war nicht nur Schuld. Es war Trauer. Eine Trauer ohne Abschied, ohne Ende, ohne den Trost, den ein klarer Verlust manchmal bringt.

Aber es gibt noch eine andere Form dieser Trauer. Eine stillere, die ich genauso oft beobachtet habe.

Clara war Kindergärtnerin gewesen. Jahrzehntelang hatte sie mit Kindern gesungen, gespielt, erzählt. Als ich sie kannte, war von dieser Frau wenig übrig, das man sofort erkannte. Sie redete, aber die Worte ergaben keinen Zusammenhang. Was ihr Sohn vielleicht nicht wusste: Es gab noch einen Weg zu ihr. Wenn jemand anfing zu singen, kam sie manchmal zurück. You Are My Sunshine war eines ihrer Lieder. Sie kannte jeden Text. Mehr darüber, wie das möglich war, steht in Beitrag 26: Wenn alles stiller wird, kleine Wege Nähe zu halten.

Ihr Sohn kam manchmal zu Besuch. Er setzte sich neben sie. Er saß da.

Ich beobachtete ihn ein paarmal aus der Distanz. Er schaute sie an, manchmal sprach er ein paar Worte, aber es gab keine echte Verbindung, keinen Moment, in dem man gespürt hätte, dass die beiden sich wirklich erreichten. Er wirkte nicht kalt. Er wirkte verloren. Als würde er auf jemanden warten, der nicht mehr kam, obwohl die Person direkt neben ihm saß.

Ich weiß nicht, was er dachte, wenn er nach Hause fuhr. Aber ich habe diesen Gesichtsausdruck nicht vergessen. Das ist auch Trauer. Nur eine, für die es keine Worte gibt und keinen Rahmen, in dem sie erlaubt wäre.

Warum diese Trauer so schwer zu benennen ist

Antizipierende Trauer fühlt sich oft falsch an. Wie kann man trauern, wenn der Mensch noch lebt? Wie kann man etwas vermissen, das noch da ist? Die Antwort ist: weil man nicht den Körper vermisst. Man vermisst die Person. Den Blick, der einen erkannt hat. Das Gespräch, das möglich war. Die Rolle, die man füreinander hatte. Die Art, wie die Beziehung war, bevor die Krankheit sie verändert hat.

Claras Sohn vermisste die Mutter, die antwortete, wenn er sprach. Die Frau aus Beitrag 27 vermisste den Mann, der sie liebte. Beide vermissten etwas Reales. Und beide standen dabei neben dem Menschen, um den sie trauerten. Das macht diese Trauer so besonders erschöpfend. Es gibt keinen Abschluss. Man trauert und begleitet gleichzeitig. Man vermisst und ist trotzdem da. Das kostet auf eine Art, die schwer zu beschreiben ist und die von außen oft unsichtbar bleibt. Dazu kommt die Schuld. Viele Angehörige fühlen sich schlecht dafür, dass sie trauern, solange der Mensch noch lebt. Als wäre Trauer ein Zeichen von Aufgeben. Als würde man den Tod herbeiwünschen, wenn man bereits um jemanden trauert, der noch da ist.

Das stimmt nicht. Trauer ist kein Verrat. Sie ist ein Zeichen von Bindung. Man trauert, weil man liebt. Und weil man die Veränderung wahrnimmt, weil man ehrlich hinschaut.

Was antizipierende Trauer von Depression unterscheidet

Beides kann sich ähnlich anfühlen — Erschöpfung, Traurigkeit, Rückzug. Aber es gibt einen Unterschied. Antizipierende Trauer kommt oft in Wellen. Sie hängt an konkreten Momenten, an einem Blick, der nicht kam, einem Gespräch, das nicht möglich war, einem Besuch, der schwerer war als der letzte. Dazwischen gibt es auch helle Momente, kleine Verbindungen, unerwartete Freude.

Eine Depression ist meist anhaltend, schwerer und mit einem Gefühl von Hoffnungslosigkeit verbunden, das sich nicht so leicht lüftet. Wenn die Trauer so groß wird, dass sie alles ausfüllt, wenn Schlaf, Essen, alltägliche Dinge dauerhaft schwerfallen, dann lohnt sich ein ärztliches Gespräch. Das ist keine Schwäche. Das ist Selbstfürsorge. Wie sich Erschöpfung und emotionale Überlastung aufbauen und wann professionelle Unterstützung wichtig wird, beschreibe ich in Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen, Warnsignale und Selbstfürsorge.

Was hilft, ohne die Trauer wegzumachen

Antizipierende Trauer lässt sich nicht lösen. Sie lässt sich nur tragen. Aber wie man sie trägt, macht einen Unterschied. Anerkennen, was man fühlt. Nicht wegdrücken, nicht erklären warum es falsch ist. Einfach sagen, auch nur zu sich selbst: Ich vermisse, wie es war. Das ist wahr. Das darf sein.

Mit jemandem sprechen, der versteht. Nicht um Ratschläge zu bekommen, sondern um nicht allein damit zu sein. Eine Selbsthilfegruppe, eine vertraute Person, manchmal auch ein Therapeut. Der Satz "Mir geht es auch so" trägt mehr als die meisten Lösungsvorschläge.

Kleine Momente suchen statt große Verbindungen zu erwarten. Wie man in solchen Momenten antwortet, wenn Worte nicht mehr tragen, steht in Beitrag 9: Kommunikation bei Demenz. Und wie Tonfall und Präsenz noch erreichen können, was Sprache nicht mehr schafft, beschreibe ich in Beitrag 10: Nonverbale Kommunikation bei Demenz. Das Gespräch von früher ist vielleicht nicht mehr möglich. Aber es gibt vielleicht noch einen Blick, ein Lächeln, einen Moment des Wiedererkennens. Diese kleinen Dinge sind nicht weniger wert, weil sie kleiner geworden sind. Sie sind nur anders. Wie sich Emotionen bei Demenz verändern und warum solche Momente trotzdem real sind, beschreibe ich in Beitrag 14: Emotionen bei Demenz, Angst, Trauer und Freude verstehen.

Sich selbst erlauben, Entlastung zu wollen. Pausen zu brauchen ist kein Zeichen von mangelnder Liebe. Es ist ein Zeichen, dass man zu lange zu viel alleine getragen hat. Die Frau, die jeden Tag zu ihrem Mann fuhr, der ein Messer gehalten hatte, tat das aus Liebe. Aber auch sie brauchte Schlaf. Auch sie brauchte Momente, in denen sie nur sie selbst war. Ihre Geschichte steht in Beitrag 20: Schlafmangel durch Demenz-Pflege.

Ein letzter Gedanke

Claras Sohn kam und saß neben ihr. Er wartete auf jemanden, der nicht mehr kam, auch wenn die Person direkt neben ihm saß. Ich weiß nicht, ob er wusste, dass das Trauer war. Wahrscheinlich hatte er keinen Namen dafür. Aber er kam trotzdem. Und das zählt. Manchmal ist Dabeisein alles, was möglich ist. Nicht weil es die Trauer wegnimmt. Sondern weil es zeigt, dass die Beziehung noch da ist, auch wenn sie sich verändert hat. Auch wenn sie anders aussieht als früher. Auch wenn man nicht weiß, was man sagen soll. Man muss diese Trauer nicht lösen. Man darf sie einfach tragen, in seinem eigenen Tempo, ohne sich dafür zu schämen.

Kennen Sie dieses Gefühl, jemanden zu vermissen, der noch da ist? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym. Diese Trauer verdient es, gehört zu werden.

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