Kommunikation bei Demenz: Verstehen statt korrigieren
Kommunikation bei Demenz: Warum Korrigieren oft schadet, wie Sie auf Wiederholungen reagieren und mit Herz statt Fakten sprechen – praktische Tipps für Angehörige.
ALLTAG & ANGEHÖRIGE
KraftWald
1/12/20265 min lesen


Kommunikation bei Demenz – mit Herz statt Fakten
Beitrag 9
🌿 Sanfte Antworten – Praktische Beispiele
Äußerung: „Ich muss zur Arbeit, die Kollegen warten.“
Statt strikte Wahrheit: „Sie arbeiten schon lange nicht mehr.“
Sanft, Gefühl erkennen: „Es klingt, als wäre dir wichtig, gebraucht zu werden.“
Äußerung: „Heute kommt mein Mann mich abholen.“
Statt strikte Wahrheit: „Ihr Mann ist vor Jahren gestorben.“
Sanft, Gefühl erkennen: „Du freust dich auf vertraute Gesellschaft.“
Äußerung: „Ich habe mein Baby irgendwo hingelegt.“
Statt strikte Wahrheit: „Ihre Kinder sind erwachsen.“
Sanft, Gefühl erkennen: „Es fühlt sich an, als würdest du jemanden vermissen.“
Äußerung: „Ich muss das Essen vorbereiten, gleich kommen Gäste.“
Statt strikte Wahrheit: „Es kommt niemand.“
Sanft, Gefühl erkennen: „Es klingt, als wäre dir wichtig, dass alles gut vorbereitet ist.“
Äußerung: „Wo sind meine Eltern?“
Statt strikte Wahrheit: „Ihre Eltern sind schon lange verstorben.“
Sanft, Gefühl erkennen: „Du denkst an Menschen, die dir wichtig sind.“
🌿 Wenn Worte ihre Richtung verlieren
Es gibt Momente, in denen ein Mensch mit Demenz etwas sagt, das nicht stimmt. Ein falsches Datum. Eine Erinnerung, die sich verschoben hat. Eine Überzeugung, die nicht zur aktuellen Situation passt.
Der Impuls, zu korrigieren, ist menschlich. Wir möchten helfen. Ordnung schaffen. Missverständnisse auflösen.
Und doch liegt genau hier ein stiller Wendepunkt: Muss ich verstehen — oder muss ich richtigstellen?
Dieser Beitrag zeigt, wie Kommunikation bei Demenz sanft gelingen kann – nicht durch Fakten, sondern durch Mitgefühl. Nicht durch Korrektur, sondern durch Verbindung. Diese Veränderungen in der Kommunikation sind Teil des Krankheitsverlaufs – mehr dazu in Beitrag 6: Demenz verstehen
🌿 Verstehen ist mehr als Fakten
Verstehen bedeutet nicht, dass wir einer Aussage zustimmen müssen. Es bedeutet, wahrzunehmen, was hinter den Worten liegt.
Oft geht es nicht um den Inhalt, sondern um:
Sicherheit: „Bin ich hier richtig?"
Zugehörigkeit: „Gehöre ich noch dazu?"
Orientierung: „Was passiert gerade?"
Nähe: „Sieht mich jemand?"
Wenn jemand sagt: „Ich muss nach Hause, meine Mutter wartet auf mich",
dann spricht nicht die Logik — sondern ein Gefühl von Geborgenheit.
Ein sachlicher Widerspruch („Ihre Mutter lebt nicht mehr") kann dieses Gefühl verletzen. Ein ruhiges Mitgehen („Sie denken an jemanden, der Ihnen wichtig ist") kann es auffangen.
🌿 Warum Korrigieren Stress erzeugen kann
Für Menschen mit Demenz ist das eigene Erleben real — auch wenn es objektiv nicht stimmt.
Wird dieses Erleben korrigiert, entsteht oft:
Verunsicherung
Scham
Rückzug
Widerstand
Nicht, weil sie „uneinsichtig" sind, sondern weil ihr innerer Halt kurz verloren geht.
Korrigieren kann sich anfühlen wie: „Deine Wahrnehmung ist falsch."
Verstehen hingegen sagt leise: „Du bist gemeint. Ich bin bei dir."
🌿 Verstehen heißt nicht lügen
Oft entsteht die Sorge: „Aber ich kann doch nicht einfach etwas Falsches stehen lassen?"
Verstehen ohne zu korrigieren bedeutet nicht, Unwahrheiten zu verstärken. Es bedeutet, den emotionalen Kern ernst zu nehmen, ohne die Realität zu erzwingen.
Ein sanfter Umgang kann so aussehen:
Gefühle spiegeln statt Inhalte bewerten
Sicherheit geben statt Recht behalten
Nähe anbieten statt Diskussion beginnen
Das bewahrt Würde — auf beiden Seiten.
🌿 Warum Korrigieren bei Demenz schadet
Bei Demenz können Fragen auftauchen, die uns in eine „Wahrheitsfalle" bringen:
„Meine Eltern sind noch zu Hause?"
„Mein Mann kommt mich abholen?"
„Ich muss zur Arbeit, die Kollegen warten."
Instinktiv möchten wir korrigieren – doch nicht jede Wahrheit schafft Ruhe oder Sicherheit.
Warum Sanftheit wichtiger ist als strikte Korrektheit:
Menschen mit Demenz erinnern sich manchmal nicht an Fakten, aber Gefühle bleiben
Das Bedürfnis nach Sicherheit, Zugehörigkeit oder Kontrolle ist oft stärker als die Information selbst
Korrekturen können Stress, Angst oder Rückzug auslösen
🌿 Alltagsbeispiel: Der falsche Ort
Eine Person sagt: „Ich bin hier falsch. Das ist nicht mein Zimmer."
Statt zu korrigieren: „Doch, das ist Ihr Zimmer."
kann Verstehen so klingen: „Es fühlt sich gerade fremd an."
Oder: „Wir schauen uns kurz gemeinsam um."
Der Raum bleibt derselbe — doch die innere Spannung sinkt.
🌿 Wie man auf repetitive Fragen reagiert
Menschen mit Demenz stellen oft Fragen wiederholt – manchmal mehrmals in kurzer Zeit. Das kann frustrieren, doch die Wiederholung hat einen Grund: das Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung oder Verbindung.
Warum Wiederholungen passieren
Wiederholte Fragen entstehen nicht aus Trotz. Häufige Ursachen:
Kurzzeitgedächtnis ist eingeschränkt
Unsicherheit oder Angst
Wunsch nach Verbindung und Bestätigung
Orientierungslosigkeit bei neuen Situationen
Beispiel: „Wo sind meine Schlüssel?" wird mehrfach gestellt – nicht, weil die Person unhöflich ist, sondern weil sie Halt sucht.
Sanft reagieren, ohne zu korrigieren
Die wichtigste Regel: nicht sofort „korrigieren", sondern die Emotion hinter der Frage wahrnehmen.
Praktische Ansätze:
Gefühl spiegeln: „Ich sehe, dass du die Schlüssel suchst. Wir schauen gemeinsam."
Sanft lenken: „Die Schlüssel liegen am gewohnten Platz. Wollen wir zusammen nachsehen?"
Bestätigung geben: Ein Lächeln oder ein Berühren der Hand kann Sicherheit vermitteln, ohne Worte.
Worte, die beruhigen
Kurze, klare Sätze wirken wie kleine Anker:
„Ich bleibe bei dir."
„Wir machen das zusammen."
„Alles gut, wir gehen langsam."
Vermeide lange Erklärungen, die das Gedächtnis zusätzlich belasten könnten.
Routinen helfen Wiederholungen reduzieren
Repetitive Fragen lassen sich oft reduzieren, wenn der Alltag vorhersehbar und strukturiert ist:
Gleiche Orte für Schlüssel, Brille oder persönliche Gegenstände
Feste Abläufe bei Mahlzeiten, Anziehen oder Aktivitäten
Kurze, vertraute Übergänge zwischen Aufgaben (siehe Beitrag 8: Veränderungen bei Demenz sanft gestalten)
Wenn Geduld auf die Probe gestellt wird
Es ist normal, dass Wiederholungen anstrengend wirken. Tipps:
Atme kurz durch, bevor du antwortest
Denke daran: Die Person sucht Halt, nicht Ärger
Nutze stille Momente oder kleine Handlungen, um Nähe zu vermitteln
🌿 Wenn Gespräche driften dürfen
Im Alltag mit Demenz kann es passieren, dass Gespräche unerwartete Wege nehmen. Fragen wiederholen sich, Gedanken springen, Worte fehlen plötzlich.
Das kann frustrierend wirken, besonders wenn man selbst eine klare Richtung im Gespräch hat. Doch genau hier zeigt sich: Es ist nicht die Aufgabe, jedes Gespräch „richtig" zu lenken.
Warum Gespräche manchmal driften
Menschen mit Demenz kommunizieren oft über Gefühle, Erinnerungen oder innere Bilder – nicht über die reine Faktenlage.
Häufige Gründe:
Erinnerungslücken oder Wiederholungen
Orientierungslosigkeit in Zeit oder Raum
Ausdruck von Gefühlen, die schwer in Worte zu fassen sind
Bedürfnis nach Nähe, Bestätigung oder Aufmerksamkeit
Wenn wir das verstehen, kann Frustration zurücktreten, und Empathie tritt an ihre Stelle.
Sanfte Strategien für driftende Gespräche
1. Beobachten, bevor korrigiert wird
Lauschen, was die Person wirklich ausdrücken möchte.
2. Auf Gefühle reagieren, nicht Fakten
Gefühle wie Sorge, Freude, Angst oder Stolz erkennen und benennen.
3. Themen driftend zulassen
Statt strikt zu korrigieren, den Gedankengang begleiten. Wenn die Person über die Vergangenheit spricht oder Geschichten wiederholt, einfach zuhören und Anteil nehmen.
4. Kurze, ruhige Sätze verwenden
Diese wirken wie kleine Anker:
„Wir machen das zusammen."
„Ich bleibe bei dir."
„Alles gut, wir gehen langsam."
5. Rituale und vertraute Elemente einbauen
Ein wiederkehrender Satz, ein vertrauter Raum oder ein Lieblingsobjekt können Sicherheit geben. Mehr dazu in Beitrag 1: Vertraute Momente schenken.
6. Kleine Aktivitäten nutzen
Kleine Aktivitäten als Ablenkung oder Fokuspunkte: Farben sortieren, Hände beschäftigen, leichte Bewegung (siehe Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe).
🌿 Wenn Verstehen Verbindung schafft
Menschen spüren, ob sie gehört werden. Nicht an Argumenten — sondern an Haltung.
Verstehen ohne Korrigieren:
verlangsamt Situationen
senkt innere Alarmbereitschaft
öffnet Raum für Vertrauen
Es ist eine Form von Sprache, die ohne viele Worte auskommt.
🌿 Ein stiller Perspektivwechsel
Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht: „Stimmt das?"
sondern: „Was braucht dieser Mensch gerade?"
Manchmal ist das Bedürfnis nach Sicherheit größer als das nach Richtigkeit. Und manchmal ist Nähe die klarste Antwort.
🌿 Ein ruhiger Abschluss
Verstehen ohne zu korrigieren ist kein Verzicht. Es ist eine bewusste Entscheidung für Beziehung statt Kontrolle.
Sie erlaubt Gesprächen, weich zu bleiben. Sie lässt Raum für Würde — auch dann, wenn Worte sich verschieben.
Und sie erinnert uns daran: Verbindung entsteht dort, wo wir nicht recht haben müssen.
Gespräche mit Menschen mit Demenz müssen nicht immer „linear" verlaufen. Indem wir Gefühle erkennen, Stille zulassen, sanfte Worte wählen und kleine vertraute Rituale einbauen, schaffen wir Begegnungen voller Nähe, Verständnis und Ruhe.
So wird Kommunikation nicht zu einer Aufgabe, sondern zu einem Moment des Miteinanders – wie ein ruhiger Fluss, der seinen Weg findet, ohne dass wir ihn drängen müssen.
🔗 Weiterführende Beiträge
👉 Weiter: Beitrag 10: Wenn Worte nicht reichen – Ton, Stille und Körpersprache
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