Kommunikation bei Demenz: Verstehen statt korrigieren
Kommunikation bei Demenz: Warum Korrigieren oft schadet, wie Sie auf Wiederholungen reagieren und mit Herz statt Fakten sprechen, praktische Tipps für Angehörige.
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Kommunikation bei Demenz: mit Herz statt Fakten
Beitrag 9
Kommunikation bei Demenz: Verstehen statt korrigieren
Unsere Vorgesetzte hatte eine klare Ansage: Die Bewohner sollen im Hier und Jetzt leben. Wenn jemand nach einer verstorbenen Person fragt, sagen wir die Wahrheit. Wir korrigieren freundlich aber klar. Ich habe gesehen, was das bedeutet, wenn es in der Praxis angewendet wird.
Walter fragte nach seiner Frau. Eine Kollegin sagte ihm, dass sie vor Jahren gestorben sei. Walter fiel in sich zusammen. Er trauerte, tief und echt, so als höre er es zum ersten Mal. Weil es für ihn das erste Mal war. Sein Gedächtnis hatte ihn davor bewahrt. Und dann haben wir es ihm weggenommen. Ich habe das mehr als einmal beobachtet. Ich habe nie direkt widersprochen. Ich hatte bereits mehrfach Ermahnungen von der Leitung bekommen und wollte keinen weiteren Konflikt riskieren. Also habe ich es auf meine eigene Weise anders gemacht, leise, ohne Aufhebens, und mir nebenbei angelesen, was die Forschung dazu sagt.
Was ich gefunden habe, hat mich bestätigt. Experten beschreiben es so: Wer sich nicht erinnern kann, dass ein geliebter Mensch gestorben ist, erlebt die Nachricht jedes Mal neu. Die Trauer ist real. Der Schmerz ist real. Und er wiederholt sich, jedes Mal, wenn jemand die Wahrheit sagt. Eine ausführlichere Erklärung dazu, warum das so ist und wie man damit umgeht, habe ich bereits in Beitrag 14: Emotionen bei Demenz beschrieben, mit weiterführenden Quellen zum Thema therapeutisches Fibbing.
Was Walter brauchte, war nicht die Wahrheit. Er brauchte das Gefühl, dass seine Frau irgendwo ist. Dass sie wiederkommt. Dass er nicht allein ist.
Was hinter den Worten steckt
Wenn jemand mit Demenz etwas sagt, das nicht stimmt, ist der erste Impuls oft: korrigieren. Wir wollen helfen. Ordnung schaffen. Missverständnisse auflösen. Aber meistens geht es gar nicht um den Inhalt.
Wenn jemand sagt: „Ich muss nach Hause, meine Mutter wartet auf mich", dann spricht nicht die Logik. Dann spricht das Bedürfnis nach Geborgenheit. Nach einem Ort, an dem man hingehört.
Wenn jemand sagt: „Mein Mann kommt mich heute abholen", dann geht es nicht um den Stundenplan. Dann geht es darum, erwartet zu werden. Gebraucht zu werden. Nicht vergessen zu sein.
Eine Korrektur trifft nicht die Frage, die wirklich gestellt wird. Sie trifft das Gefühl dahinter. Und das Gefühl bricht ein.
Wie sanftes Mitgehen aussehen kann
Das bedeutet nicht, dass man alles bestätigen muss. Es bedeutet, den emotionalen Kern ernst zu nehmen, ohne die Realität mit Gewalt zurechtzurücken.
Als Walter nach seiner Frau fragte, habe ich ihm gesagt: „Sie wäre hier, wenn sie könnte." Das ist keine Lüge. Es ist wahr. Als er nach einer Bewohnerin fragte, die gestorben war, habe ich gesagt: „Sie ist nach Hause gegangen, zu ihrer Familie." Auch das ist wahr, auf eine Art, die ihm Frieden gab, ohne ihn erneut in Trauer zu stürzen. Was die Forschung zeigt: Es gibt keine einheitliche Antwort darauf, was man sagen soll. Es hängt vom Menschen ab, vom Moment, vom Stadium der Erkrankung. Aber es gibt ein paar Ansätze, die sich in der Praxis bewährt haben.
Die Alzheimer's Society empfiehlt, über gemeinsame Erinnerungen zu sprechen, statt die Frage direkt zu beantworten. Also nicht „Sie ist tot", sondern „Erzähl mir von ihr. Was habt ihr gerne zusammen gemacht?" Das lenkt das Gespräch von der Tatsache des Verlustes hin zum Leben dieser Person. Für manche Menschen funktioniert das sehr gut.
Andere Angehörige sagen etwas wie: „Sie ist gerade nicht hier, aber sie denkt an dich. Sollen wir uns ein paar Fotos von euch zusammen ansehen?" Auch das lenkt weg von der Frage hin zu einer gemeinsamen Erinnerung, und das ist meistens das, was wirklich gesucht wird. Andere sagen einfach: „Sie ist bei der Arbeit" oder „Sie kommt später." Das klingt nach einer Lüge, aber für jemanden, der die Antwort in einer Stunde vergessen hat und denselben Schmerz erneut durchleben würde, wenn man die Wahrheit sagt, ist es manchmal das Mitfühlendste, was man tun kann. Eine amerikanische Pflegeberaterin beschreibt genau diesen Fall: Eine Familie, die ihrem Vater täglich sagen musste, dass seine Frau gestorben war, entschied sich stattdessen für die Antwort, sie sei bei der Arbeit. Das Haus wurde ruhiger. Der Vater fing wieder an zu summen.
Das Ziel ist nicht, die richtige Formel zu finden. Das Ziel ist, denjenigen zu lesen, der vor einem sitzt, und zu antworten auf das, was er wirklich braucht. Manchmal hilft auch ein ruhiges Umlenken: eine Tasse Tee anbieten, gemeinsam etwas tun, einen vertrauten Gegenstand in die Hand geben. Nicht als Trick, sondern weil manche Momente zu groß sind, um sie frontal anzugehen. Mehr über solche Möglichkeiten steht in Beitrag 4: Kreative Tätigkeiten bei Demenz.
Wenn dieselbe Frage immer wiederkommt
Wiederholte Fragen entstehen nicht aus Trotz. Das Kurzzeitgedächtnis speichert die Antwort nicht. Also kommt die Frage wieder, weil das Bedürfnis dahinter noch da ist.
Was hilft: nicht die Frage beantworten, sondern das Bedürfnis. Sicherheit geben. Nähe signalisieren. Kurze, ruhige Sätze: „Ich bin hier." „Wir machen das zusammen." „Alles gut." Manchmal reicht das. Nicht immer. Aber öfter als man denkt. Feste Plätze für Schlüssel, Brille, Portemonnaie können helfen, manche Fragen seltener werden zu lassen. Ebenso vertraute Rituale und Abläufe, die dem Tag Struktur geben. Mehr dazu in Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz.
Was Korrigieren auslöst
Für einen Menschen mit Demenz ist das eigene Erleben real, auch wenn es objektiv nicht stimmt. Wird dieses Erleben korrigiert, entsteht oft Verunsicherung, Scham oder Rückzug. Nicht weil die Person uneinsichtig ist, sondern weil ihr innerer Halt kurz verloren geht. Korrigieren kann sich anfühlen wie: Deine Wahrnehmung ist falsch. Mitgehen sagt leise: Du bist gemeint. Ich bin bei dir. Wie Tonfall, Gesichtsausdruck und Körpersprache dabei wirken, auch wenn keine Worte mehr helfen, beschreibe ich in Beitrag 10: Nonverbale Kommunikation bei Demenz.
Ein Gedanke für pflegende Angehörige
Es ist nicht einfach, jemandem nicht zu widersprechen, den man liebt. Es kann sich falsch anfühlen. Als würde man lügen. Als würde man die Wirklichkeit verleugnen.
Aber die Frage ist nicht: Stimmt das? Die Frage ist: Was braucht dieser Mensch gerade? Manchmal ist das Bedürfnis nach Sicherheit größer als das nach Richtigkeit. Und manchmal ist Nähe die klarste Antwort, die man geben kann. Wenn Sie merken, dass Sie in solchen Momenten an Ihre Grenzen kommen, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen, dass Sie selbst Unterstützung brauchen. Mehr dazu in Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen.
Haben Sie einen Moment erlebt, in dem Sie gespürt haben, dass die Wahrheit nicht das war, was gebraucht wurde? Oder einen, in dem Sie nicht wussten, was Sie stattdessen sagen sollten? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym.
🔗 Weiterführende Beiträge
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