Kreative Tätigkeiten bei Demenz: 5 einfache Impulse für Alltag und Nähe

Entdecken Sie 5 kreative Beschäftigungsideen für Menschen mit Demenz. Erfahren Sie, wie Farben, Musik und Collagen den Alltag entlasten und Nähe schaffen.

KREATIVE AKTIVITÄTEN

KraftWald

12/25/20254 min lesen

Kreative Beschäftigung bei Demenz: 5 einfache Ideen für den Alltag

Beitrag 4

Ich hatte einen Eimer voller Deckel. Milchflaschendeckel, Limonadendeckel, ein paar Casinochips, alles durcheinander, alles bunt. Ich hatte sie auf einen Tisch in der Einrichtung geschüttet, einfach so, ohne großen Plan, um zu sehen, was passiert. Dann ging ich weiter zu den anderen. Als ich eine Weile später zurückkam, lagen die Deckel sortiert da. Rot zu Rot, Blau zu Blau, Gelb zu Gelb. Ordentlich, ruhig, fertig.

Ich wusste zunächst nicht, wer es gemacht hatte. Erst über die nächsten Tage wurde es klarer. Es war ein Mann, der bis dahin an keiner einzigen Aktivität teilgenommen hatte. Ich hatte ihn nie an einem Tisch gesehen, nie mit etwas in der Hand. Und dann stand er eines Morgens über den Deckeln, sortierte, und merkte nicht, dass ich zuschaute. Ich habe nichts gesagt. Ich wollte den Moment nicht unterbrechen.

Er kam in den folgenden Wochen immer wieder. Irgendwann angelte er mit uns, mit selbst gebastelten Angelruten und Pappfischen auf dem Boden. Irgendwann spielte er Pétanque. Aber es fing mit den Deckeln an, an einem Tisch, auf den ich einfach etwas geschüttet hatte. Viele Angehörige suchen nach etwas, das den Tag ein bisschen leichter macht. Etwas, das Nähe schafft, auch wenn die Worte weniger werden. Etwas, das keine Vorbereitung braucht und kein Fachwissen.

Kreative Tätigkeiten können genau das sein, nicht weil sie therapieren oder trainieren, sondern weil sie den Händen etwas geben, das sie kennen. Bewegungen, die jemand hundertmal gemacht hat, falten, sortieren, malen, sitzen tief. Sie brauchen keine Erklärung. Die Hände wissen noch, was zu tun ist. Und dieses Gefühl, noch etwas zu können, noch da zu sein, noch zu wirken, ist manchmal mehr wert als alles andere.

Das schließt nicht aus, dass manche Tage einfach nicht funktionieren. Manchmal greift nichts, manchmal will jemand nicht, und das ist sein gutes Recht. Aber wenn es funktioniert, dann meist weil kein Druck dahintersteckt und weil jemand einfach dabei ist. Nicht anleitend, nicht korrigierend. Nur da.

Sortieren

Bunte Deckel, Casinochips, Knöpfe, Wäscheklammern, alles, was sich gut in der Hand hält und nach Farbe oder Größe unterscheiden lässt, kann funktionieren. Einfach auf den Tisch schütten und schauen, was passiert. Manche fangen sofort an. Manche brauchen ein paar Tage. Und manche brauchen nur jemanden, der sich dazusetzt und selbst anfängt zu sortieren. Es braucht kein Ergebnis. Der Vorgang selbst ist genug.

Ausmalen

Fertige Ausmalblätter gibt es kostenlos im Internet, aber ich habe oft einfach selbst etwas gezeichnet: einen großen Stern, einen Baum, eine Sonne. Grobe Linien, viel Fläche, keine Details. Beim Ausmalen gibt es kein Richtig und kein Falsch. Die Farben dürfen frei gewählt werden. Wenn jemand einen blauen Baum malt, ist das ein blauer Baum. Das Ergebnis ist nie das Ziel, der ruhige, konzentrierte Moment des Malens ist es. Unruhige Hände, die nach einer Aufgabe suchen, finden hier oft etwas, das sie eine Weile beschäftigt, mehr dazu in Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe.

Collagen

Hier muss ich ehrlich sein: Bei mir hat es nicht funktioniert. Ich legte Zeitschriften auf den Tisch, Scheren, Kleber. Die Bewohnerinnen und Bewohner schauten, griffen vielleicht kurz hin, aber es entstand kein Fluss. Je mehr ich versuchte, die Gruppe zu ermutigen, desto mehr zog sie sich zurück. Ich habe es einmal versucht und dann aufgehört.

Eine Kollegin hatte damit großen Erfolg, dieselben Menschen, ähnliche Materialien, aber bei ihr entstand etwas. Ich habe nie herausgefunden, was sie anders gemacht hat. Vielleicht war es ihre Ruhe dabei, vielleicht der Moment, vielleicht beides. Was ich daraus mitgenommen habe: nicht jede Idee passt zu jeder Pflegeperson, und das ist keine Niederlage.

Musik

Musik war fast immer zuverlässig, besonders in der Gruppe. Was mich am meisten überraschte, war Tschaikowski. Ich hatte es als Experiment versucht, ohne große Erwartung. Die meisten Menschen wurden ruhig. Manche schienen innerlich irgendwo hinzureisen. Eines Tages tauchte eine Bewohnerin namens Rita in der Türöffnung auf. Sie kam nicht herein, sie blieb einfach stehen und hörte zu. Nach einer Weile sagte sie, sie mochte die Musik. Dann ging sie wieder. Rita verließ ihr Zimmer sonst kaum.

Andere mochten Johnny Cash. Wieder andere brauchten etwas Vertrauteres, "Lili Marleen", "Unter der Laterne", ein paar Takte, und plötzlich war jemand da, der vorher abwesend schien. Musik braucht keine Aktivität drumherum. Sie kann einfach laufen. Der Körper entscheidet selbst, ob er antwortet, und wie.

Wenn Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen: Legen Sie einfach etwas auf den Tisch. Setzen Sie sich dazu. Machen Sie selbst etwas damit. Oft kommt die Neugier von allein, ohne Aufforderung, ohne Erklärung. Und wenn nicht, ist auch das in Ordnung. Morgen ist ein neuer Tag.

Haben Sie eine Tätigkeit gefunden, die bei dem Menschen, den Sie begleiten, immer wieder funktioniert? Oder eine, bei der Sie genauso gescheitert sind wie ich mit der Collage? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym. Praktische Hinweise, die Sie teilen möchten, nehme ich gern in diesen oder einen anderen Beitrag auf.

Kleiner Bonus: Einfache Puzzles können ebenfalls guttun. Konzentration fördern, kleine Erfolgserlebnisse ermöglichen, das Gefühl von „Ich kann das" schenken - schon ein paar Minuten genügen, um Vertrautheit, Ruhe und Freude zu erleben.

🔗 Weiterführende Beiträge

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Eine Gruppe älterer Menschen löst gemeinsam Puzzles
Eine Gruppe älterer Menschen löst gemeinsam Puzzles