Veränderungen bei Demenz: Übergänge ohne Stress gestalten

Wie Sie Veränderungen im Alltag mit Demenz stressfrei gestalten: Praktische Tipps für Ortswechsel, neue Routinen und sanfte Übergänge ohne Überforderung.

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KraftWald

1/9/20263 min lesen

Angehörige begleitet eine ältere Person ruhig durch eine kleine Veränderung im Alltag
Angehörige begleitet eine ältere Person ruhig durch eine kleine Veränderung im Alltag

Veränderungen bei Demenz sanft gestalten: Übergänge ohne Stress

Beitrag 8

Sharon hatte ihren Platz. Dritter Sessel von links, nah am Fenster, mit Blick auf die Tür. Jeden Morgen saß sie dort. Nach dem Mittagessen saß sie dort. Wenn sie kurz aufstand, um zur Toilette zu gehen, war das ihr Sessel, und das wusste jeder. Bis jemand anderes sich hinsetzte. Sharon kam zurück, wollte ihren Sessel und wurde sichtlich aufgeregt. Ich legte der anderen Bewohnerin sanft die Hand um die Taille und führte sie zu einem anderen Sessel, während ich beiläufig mit ihr redete, damit sie nicht merkte, was ich eigentlich tat. Danach machte ich allen klar, dass dieser Platz Sharons besonderer Platz war. Einige Bewohner merkten sich das, andere entschieden, ihre Rollatoren vor ihren eigenen Sesseln zu platzieren, wenn sie aufstanden, oder vergaßen völlig, dass bestimmte Plätze jemandem gehörten. Bald entwickelte sich daraus ein organisatorisches Chaos

Die Einrichtung hatte eine klare Regelung: Alle Bewohner mussten aus Sicherheitsgründen mit dem Rollator gehen. Aber die Rollatoren standen jetzt als Platzhalter vor den Sesseln, und die Bewohner liefen frei umher. Es war nie vollständig gelöst. Es blieb eine tägliche Herausforderung bis zu meinem letzten Tag dort. Was ich im Rückblick anders machen würde: feste Sitzplätze von Anfang an. Nicht als Reaktion auf ein Problem, sondern als selbstverständlicher Teil der Struktur. Ein persönlicher Gegenstand auf dem Sessel, ein kleines Kissen, etwas Vertrautes, das sagt: Das ist meins. Kein Schild, keine Bitte an andere. Einfach ein stiller Hinweis, der keine Erklärung braucht.

Warum kleine Veränderungen so viel auslösen können

Was bei Sharon passierte, ist kein Einzelfall. Für Menschen mit Demenz kann schon eine kleine Veränderung das Gefühl von Orientierung ins Wanken bringen. Ein anderer Sessel. Eine neue Betreuungsperson. Ein geänderter Ablauf beim Frühstück. Das Gehirn kann neue Situationen nicht mehr automatisch mit gespeicherten Erfahrungen verknüpfen. Alles Neue kostet Kraft. Und wenn diese Kraft fehlt, reagiert der Körper mit Unruhe, Rückzug oder Widerstand. Das bedeutet nicht, dass Veränderungen vermieden werden müssen. Es bedeutet, dass sie einen ruhigen Rahmen brauchen.

Was bei Übergängen hilft

Ankündigen, bevor etwas passiert. Nicht erklären, nur kurz orientieren. „Gleich gehen wir ins andere Zimmer." Das gibt dem Körper eine Sekunde, sich vorzubereiten. Wie Tonfall und kurze Sätze dabei wirken, beschreibe ich in Beitrag 10: Nonverbale Kommunikation bei Demenz.

Vertrautes mitnehmen. Beim Wechsel in einen anderen Raum, beim Umzug, beim Wechsel der Betreuungsperson: etwas Bekanntes dabei haben. Eine Tasse. Ein Gegenstand. Ein Lied, das schon immer gespielt wurde. Mehr dazu in Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz. Langsam vorgehen. Zeit lassen. Nicht drängen. Was für uns keine Minute dauert, kann für jemanden mit Demenz ein ganzer Prozess sein.

Eine neue Betreuungsperson einführen. Das ist ein Übergang, der oft unterschätzt wird. Was helfen kann: die neue Person nicht als Pflegekraft vorstellen, sondern als jemanden, der einfach dabei ist. Zum Beispiel: „Papa, das ist meine Freundin, sie hilft mir manchmal mit ein paar kleinen Dingen, weil ich gerade so viel um die Ohren habe." Oder: „Mama, das ist meine Freundin, du wirst sie öfter sehen." Kein formeller Kontext, keine Erklärung über Pflege oder Hilfe. Einfach eine Freundin, die da ist.

Widerstand nicht bekämpfen. Wenn jemand Nein sagt, ist das fast nie Trotz. Es ist meistens Überforderung. Eine Pause, ein anderer Moment, ein vertrauter Gegenstand in die Hand, das hilft mehr als Überzeugungsarbeit. Mehr über das, was hinter Widerstand steckt, steht in Beitrag 21: Aggression bei Demenz.

Hände beschäftigen. Übergänge sind leichter, wenn die Hände etwas zu tun haben. Falten, halten, greifen. Bekannte Bewegungen beruhigen und geben Orientierung. Mehr dazu in Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe.

Was Sharons Sessel gelehrt hat

Ein Sessel ist nur ein Sessel. Aber für jemanden, dessen Welt kleiner geworden ist, kann er der einzige Ort sein, der sich noch sicher anfühlt. Der Platz, auf den man zurückkommt. Der, der einem gehört. Kleine Dinge wie ein Sitzplatz, eine Tasse, eine Reihenfolge beim Anziehen, sind für Menschen mit Demenz keine Kleinigkeiten. Sie sind Anker. Und wenn sie wegfallen, auch nur kurz und zufällig, fällt mit ihnen ein Stück Orientierung weg. Das lohnt es sich zu wissen, bevor ein Problem entsteht. Nicht danach.

Haben Sie erlebt, dass eine scheinbare Kleinigkeit jemanden aus dem Gleichgewicht gebracht hat? Oder haben Sie eine einfache Lösung gefunden, die geholfen hat? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym.

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• Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz – der Kern sanfter Übergänge
• Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe – Hände als Anker in Veränderung
• Beitrag 3: Bewegung bei Demenz – sanfte Wege, den Körper mitzunehmen