Multilinguale Demenz: Mehrere Sprachen sanft begleiten

Mehrsprachigkeit bei Demenz: Wenn Sprachen wechseln Meta: Warum Menschen mit Demenz plötzlich andere Sprachen sprechen: Praktische Tipps für mehrsprachige Betreuung, kulturelle Rituale und Kommunikation ohne gemeinsame Sprache.

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KraftWald

1/14/20266 min lesen

Begleitperson unterstützt eine ältere Person mit multilingualer Demenz in einer ruhigen Gesprächssituation
Begleitperson unterstützt eine ältere Person mit multilingualer Demenz in einer ruhigen Gesprächssituation

Mehrsprachigkeit bei Demenz: Wenn Sprachen wechseln

Beitrag 11

Mehrsprachigkeit bei Demenz: Wenn Sprachen wechseln

Tui kam zu uns, nachdem ich bereits ein paar Monate in der Einrichtung gearbeitet hatte. Die ersten Stunden verliefen ruhig. Sie wirkte gefasst, orientiert, freundlich. Aber am Nachmittag veränderte sich etwas.Sie fing an zu rufen. Immer wieder dasselbe. Meine Familie hat mich vergessen. Sie haben mich hier zurückgelassen. Sie werden mein Haus verkaufen und mich nie wiedersehen. Tui war eine angesehene Kuia, eine Älteste, in ihrer Maori-Gemeinschaft, eine Frau, die in ihrer Marae, dem gemeinschaftlichen Versammlungshaus ihres Stammes, eine wichtige Rolle gespielt hatte. Jetzt saß sie in einem Sessel und wusste nicht mehr, wo sie war.

Ich versuchte Spiele. Kegelspiel, Ringewerfen, Ballons. Die ersten Tage half das. Dann nicht mehr. Ihr Sohn kam auf unseren Anruf hin vorbei, und sie beruhigte sich. Aber kaum fünf Minuten nachdem er gegangen war, fing sie wieder an. Ihre Familie hatte sie verlassen. Sie hatte sie seit einem Monat nicht gesehen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr Sohn gerade noch bei ihr gewesen war. Ich fragte sie, was sie früher gerne gemacht hatte. Stricken, sagte sie, aber ihre Hände machten das nicht mehr mit. Sie war in einer Marschiergruppe gewesen, aber ihre Beine trugen sie nicht mehr. Welche Musik sie mochte? Oh, alles Mögliche, sagte sie. Ich spielte verschiedenes ab. Pop, Klassik, Schlager. Nichts davon erreichte sie. Sie rief weiter.

Dann dachte ich an Poi E. Poi E ist ein Lied, das in Neuseeland jeder kennt. Es erschien in den achtziger Jahren, eine Mischung aus Maori-Sprache und modernen Beats, und es wurde ein Hit quer durch alle Generationen und Kulturen. Ich fand es auf YouTube und drückte auf Play. Tuis Hände begannen sich zu bewegen. Poi sind kleine Bälle an Schnüren, ein traditionelles Maori-Werkzeug, das ursprünglich zur Stärkung der Handgelenke verwendet wurde und heute Teil von Tanz und Gesang ist. Tui hatte sie ihr ganzes Leben lang geschwungen. Ihre Hände erinnerten sich, auch wenn ihr Kopf es nicht mehr konnte. Sie bewegte die Hände im Rhythmus, als hätte sie die Pois noch in den Fingern.

Ich spielte das nächste Lied. Te Iwi E, ein Aktionslied, bei dem die Arme mitschwingen. Tuis Arme begannen sich zu bewegen. Sie sang mit, leise zuerst, dann lauter. Sie rief nicht mehr nach ihrer Familie. Wir spielten ein Lied nach dem anderen. Irgendwann kam Pokarekare Ana, gesungen von Kiri Te Kanawa, einer der bekanntesten Opernsängerinnen Neuseelands und selbst Maori. Es ist ein altes Liebeslied, langsam und weit. Fast alle Bewohner im Raum lehnten sich zurück und hörten zu.

George, der englischer Herkunft war und kein Wort Maori sprach, fing an zu weinen. Er wusste nicht warum. Er sagte, er glaube, das Lied irgendwo schon einmal gehört zu haben, aber er konnte es nicht einordnen. Er konnte nur nicht aufhören zu weinen.

Die Musikstunde dauerte ein paar Stunden. Als sie vorbei war, kehrte Tuis Unruhe zurück. Das Lied hatte ihre Demenz nicht geheilt. Aber es hatte ihr, und uns allen im Raum, ein paar Stunden Frieden gegeben. Von da an erstellte ich eine Playlist mit Maori-Liedern, die im Hintergrund lief, während ich Aktivitäten mit den Bewohnern machte. Nicht als Therapie. Einfach als Klang, der für Tui bedeutete: Ich bin noch ich.

Warum Sprachen bei Demenz wechseln

Was bei Tui passierte, ist kein Einzelfall. Bei Menschen mit Demenz kehrt die Muttersprache oft zurück, auch wenn sie jahrzehntelang eine andere Sprache gesprochen haben. Das liegt daran, dass früh erlernte Sprachen tiefer im Gehirn verankert sind. Emotionale Erinnerungen sind oft in der Erstsprache gespeichert. Wenn das Gehirn unter Stress gerät oder müde wird, greift es auf das zurück, was am tiefsten sitzt. Das kann für Angehörige verwirrend sein, besonders wenn man die Muttersprache des Menschen nicht spricht. Aber es ist kein Rückschritt. Es ist das Gehirn, das den sichersten Weg nimmt.

Mehr darüber, was im Gehirn bei Demenz passiert, steht in Beitrag 6: Demenz verstehen.

Was helfen kann, auch ohne die Sprache zu sprechen

Nicht korrigieren. Wenn jemand in eine andere Sprache wechselt, hilft es nicht, ihn zurück zur gemeinsamen Sprache zu drängen. Das erzeugt Druck, keinen Kontakt. Stattdessen: ruhig zuhören, den Tonfall wahrnehmen, mit Gesten antworten. Einzelne Worte in der Muttersprache lernen. Begrüßungen, kurze Sätze, Kosenamen. „Alles gut." „Ich bin da." Das sind keine großen Sprachkenntnisse, aber sie senden ein Signal: Ich sehe dich. Übersetzungs-Apps wie DeepL oder Google Translate können dabei helfen.

Musik in der Muttersprache ausprobieren. YouTube ist dafür ein guter Ausgangspunkt. Bei Maori-Musik sind Poi E, Te Iwi E und Pokarekare Ana ein Anfang. Bei anderen Sprachen und Kulturen lohnt es sich, Familienmitglieder zu fragen, welche Lieder aus der Kindheit oder Jugend bedeutsam waren. Oft sind es nicht die bekanntesten Lieder, sondern die, die mit einem bestimmten Ort oder einer bestimmten Zeit verbunden sind. Hörbücher in der Muttersprache können ebenfalls helfen, besonders für Menschen, die nicht mehr gut sehen können oder denen das stille Zuhören leichter fällt als Gespräche. Auf YouTube gibt es Hörbücher in vielen Sprachen. Wer nichts findet, sollte es mit dem Namen der Sprache versuchen statt mit dem Ländernamen, also nicht „indisches Hörbuch" sondern „Punjabi Hörbuch" oder „Kannada Hörbuch", nicht „chinesisches Hörbuch" sondern „Mandarin Hörbuch" oder „Cantonese Hörbuch".

Kulturelle Elemente einbeziehen. Vertraute Gerichte, traditionelle Gegenstände, religiöse Rituale wie Gebete oder Lieder. Diese Dinge sprechen eine Sprache, die tiefer sitzt als Worte. Mehr über die Kraft von Vertrautheit steht in Beitrag 1: Vertrautheit bei Demenz.

Nonverbale Verbindung. Wenn die Sprache fehlt oder sich vermischt, trägt der Tonfall weiter als der Inhalt. Ein ruhiges Gesicht, ein langsamer Rhythmus, eine Hand auf dem Arm. Mehr dazu in Beitrag 10: Nonverbale Kommunikation bei Demenz.

Was George gezeigt hat

George wusste nicht, warum er weinte. Er kannte die Sprache nicht, kannte das Lied nicht, hatte keine bewusste Erinnerung daran. Und trotzdem hat es ihn erreicht. Musik wirkt nicht über das Verstehen. Sie wirkt über etwas, das tiefer liegt. Das gilt für Menschen mit Demenz genauso wie für alle anderen im Raum.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie Ihren Angehörigen mit Worten nicht mehr erreichen: Es gibt andere Wege. Musik ist einer davon. Es ist einen Versuch wert. Wie Schuldgefühle entstehen, wenn man das Gefühl hat, nicht genug zu tun oder die richtige Sprache nicht zu finden, beschreibe ich in Beitrag 27: Schuldgefühle als Demenz-Angehörige. Und wenn die Suche nach dem richtigen Schlüssel Sie erschöpft, lesen Sie bitte auch Beitrag 13: Burnout bei pflegenden Angehörigen.

Haben Sie erlebt, dass Musik oder eine andere Sprache jemanden erreicht hat, den Sie mit Worten nicht mehr erreichen konnten? Schreiben Sie gern im Feedback, auch anonym.

❓Häufige Fragen zu Mehrsprachigkeit bei Demenz

Warum spricht mein Angehöriger plötzlich eine andere Sprache?
Die Muttersprache ist im Gehirn am tiefsten verankert und bleibt oft am längsten erhalten. Bei Stress, Müdigkeit oder emotionalen Erinnerungen kehren viele Menschen zu ihrer Erstsprache zurück.

Soll ich versuchen, die Sprache zu wechseln?
Nein. Lassen Sie die Person in der Sprache sprechen, die ihr am leichtesten fällt. Reagieren Sie mit Gesten, Mimik oder einzelnen vertrauten Worten. So entsteht Verbindung, ohne Druck oder Frust.

Wie kann ich kommunizieren, wenn ich die Sprache nicht spreche?
Nonverbale Kommunikation hilft: Lächeln, Blickkontakt, sanfte Berührungen. Lernen Sie 5-10 einfache Worte in der Muttersprache der Person, z. B. Begrüßungen, kurze Sätze oder Kosenamen.

Ist es schlimm, wenn alte Sprachen wieder auftauchen und andere verblassen?
Nein. Das ist ein normaler Teil der Demenzentwicklung und kein Zeichen von Rückschritt. Jede Sprache, die auftaucht, ist ein wertvoller Schlüssel zu Erinnerungen und Verbindung.

Kann Musik oder Gesang in der Muttersprache helfen?
Ja. Lieder aus der Kindheit oder bekannte Melodien wecken Erinnerungen, schaffen Nähe und können emotionale Sicherheit vermitteln auch wenn die gesprochene Sprache gerade nicht verfügbar ist.

Was kann ich tun, wenn Frustration aufkommt?
Bleiben Sie ruhig, atmen Sie kurz durch und setzen Sie auf Nähe und kleine Handlungen. Unterstützende Gesten, vertraute Rituale und sanfte Routinen helfen, Verbindung zu erhalten.

🌿 Ein ruhiger Abschluss

Mehrsprachigkeit bei Demenz ist kein Hindernis, sondern eine Chance für Nähe, Erinnerungen und Verbindung.

Mit Geduld, Präsenz, nonverbaler Unterstützung und sanften Routinen können Angehörige und Pflegekräfte die Kommunikation stärken selbst wenn Wörter wechseln oder verloren gehen.

Jede Sprache, die auftaucht, ist ein Fenster in eine Welt voller Erinnerungen. Manchmal braucht es keine gemeinsame Sprache nur ein gemeinsames Gefühl.

🔗 Weiterführende Beiträge

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