Sundowning bei Demenz: Wenn der Abend schwer wird
Sundowning bei Demenz verstehen ✓ Abendliche Unruhe erkennen ✓ Tagesstruktur als Schutz ✓ 5 Anti-Sundowning-Strategien ✓ Hilfe für Angehörige
ALLTAG & ANGEHÖRIGE
KraftWald
2/6/20269 min read


Sundowning bei Demenz -- Wenn der Abend schwer wird
Beitrag 19
🌙 Wenn die Ruhe des Abends ausbleibt
Gegen Abend verändert sich oft etwas. Unruhe nimmt zu. Ängste werden stärker. Manche Menschen mit Demenz wirken rastlos, gereizt oder ziehen sich zurück. Für Angehörige ist das besonders belastend -- vor allem, wenn der Tag ruhig begonnen hat.
Dieses Phänomen wird Sundowning genannt (vom englischen "sundown" = Sonnenuntergang). Und es ist kein Zeichen von falscher Begleitung, fehlender Geduld oder mangelnder Fürsorge.
Sundowning ist häufig eine Reaktion auf Überforderung -- die sich über den Tag still angesammelt hat.
🌿 Was ist Sundowning genau?
Sundowning beschreibt eine Zunahme von Unruhe, Verwirrtheit oder Agitation, die typischerweise am späten Nachmittag oder Abend auftritt (meist zwischen 16-21 Uhr).
Typische Anzeichen:
Verhaltensänderungen:
Plötzliche Unruhe oder Nervosität
Ständiges Auf- und Abgehen
Nesteln mit Händen oder Kleidung
Suchen nach Gegenständen oder Personen
Wiederholte Fragen: "Wann gehen wir nach Hause?"
Emotionale Veränderungen:
Erhöhte Ängstlichkeit
Reizbarkeit oder Aggression
Weinen ohne ersichtlichen Grund
Misstrauen ("Wo ist meine Handtasche?")
Rückzug oder Apathie
Kognitive Symptome:
Verstärkte Desorientierung
Schwierigkeiten, Personen zu erkennen
Verwechslung von Tag und Nacht
Halluzinationen (besonders bei Lewy-Körper-Demenz)
Wie häufig ist Sundowning?
Studien zeigen: 20-45% aller Menschen mit Demenz erleben Sundowning in irgendeiner Form. Bei Alzheimer-Demenz besonders häufig.
Wichtig: Nicht jede abendliche Unruhe ist Sundowning. Manchmal sind es einfache Bedürfnisse: Hunger, Durst, Müdigkeit, Schmerzen oder Toilettengang.
🌿 Überforderung - still gesammelt über den Tag
Menschen mit Demenz nehmen ihre Umwelt weiterhin intensiv wahr. Geräusche, Stimmungen, Übergänge, Entscheidungen -- all das wird verarbeitet. Doch mit fortschreitender Demenz fällt es schwerer, Eindrücke zu ordnen und einzuordnen.
Der Tag als Sammelraum
Morgens:
Aufstehen, anziehen, frühstücken
Neue Gesichter, Gespräche
Licht, Geräusche, Entscheidungen → Alles noch bewältigbar
Mittags:
Weiter kleine Reize
Vielleicht Besuch, Arzttermin
Veränderungen in der Routine → Energie lässt nach, aber hält noch
Nachmittags:
Müdigkeit setzt ein
Filter funktionieren schlechter
Reize stapeln sich → Überforderung wächst still
Abends:
Licht verändert sich (wird dunkler)
Schatten erscheinen bedrohlich
Orientierung schwindet
Körper ist erschöpft → Die Überforderung des Tages zeigt sich
Am Abend, wenn Energie nachlässt, Orientierung schwindet, Licht sich verändert und Reize nicht mehr gefiltert werden können, zeigt sich diese Überforderung oft als Unruhe.
Sundowning ist daher kein „plötzliches Problem" am Abend -- sondern das Echo des Tages.
🌿 Warum ausgerechnet abends?
Biologische Faktoren:
Veränderte innere Uhr:
Der zirkadiane Rhythmus ist bei Demenz gestört
Melatonin-Produktion beginnt zu früh oder zu spät
Der Körper "weiß" nicht mehr, wann Tag oder Nacht ist
Lichtveränderungen:
Abnehmende Helligkeit verwirrt
Schatten wirken bedrohlich
Dämmerung löst Unsicherheit aus
Erschöpfung:
Kognitive Reserve des Tages ist aufgebraucht
Weniger Fähigkeit, Reize zu filtern
Körperliche Müdigkeit verstärkt Verwirrtheit
Psychologische Faktoren:
Lebensgewohnheiten:
"Heimkommen"-Impuls aus dem Arbeitsleben
Gewohnheit, abends nach Hause zu gehen
Kindheitserinnerungen an Abendroutinen
Einsamkeit:
Weniger Ablenkung am Abend
Gefühl des Verlassen-Seins
Sehnsucht nach vertrauten Personen
Überstimulation vom Tag:
Zu viele Eindrücke können nicht verarbeitet werden
Reizüberflutung zeigt sich zeitverzögert
🌿 Wie sich Sundowning zeigt
Frau M., 82 Jahre
Tagsüber ruhig, hilfsbereit, orientiert. Ab 17 Uhr beginnt sie, ihre Handtasche zu suchen. Fragt wiederholt: "Wann kommt der Bus?" Wird zunehmend nervös, läuft umher, öffnet Schränke.
Was dahinter steckt: Lebenslanges Muster -- nach der Arbeit nach Hause. Der Impuls "Ich muss jetzt los" wird abends aktiviert.
Herr K., 78 Jahre
Morgens gesellig, isst gut, lacht gern. Ab 18 Uhr wird er misstrauisch. Glaubt, jemand hat seine Sachen versteckt. Redet von Menschen, die nicht da sind. Wird gereizt, wenn man widerspricht.
Was dahinter steckt: Erschöpfung + verändertes Licht → Schatten werden als Personen interpretiert. Stress des Tages zeigt sich als Misstrauen.
Frau S., 85 Jahre
Den Tag über teilnahmslos, aber friedlich. Abends plötzlich weinend, verlangt nach ihrer längst verstorbenen Mutter. Lässt sich kaum beruhigen.
Was dahinter steckt: Emotionale Überforderung. Abendliche Einsamkeit weckt tiefe Sehnsucht nach Trost aus der Kindheit.
🌿 Warum klassische „Beruhigungs-Strategien" nicht greifen
Gut gemeinte Ratschläge wie „Atme tief durch", „Beruhige dich" oder „Denk an etwas Schönes" setzen voraus, dass:
Neues gelernt werden kann
Strategien erinnert werden
Bewusst angewendet werden können
All das ist bei Demenz -- besonders am Abend -- kaum möglich.
Warum das nicht funktioniert:
Logik ist nicht zugänglich -- Erklärungen kommen nicht an
Gedächtnis ist beeinträchtigt -- Strategien werden vergessen
Exekutivfunktion fehlt -- Handlungen können nicht geplant werden
Sundowning lässt sich nicht wegtrainieren.
Aber es lässt sich abmildern.
🌿 Was wirklich hilft: Sicherheit, die sich einprägt
Nicht das Erlernen von Strategien hilft -- sondern wiederholte Erfahrungen von Sicherheit.
Der Körper erinnert sich länger als Worte.
Statt lehren: einbetten
Hilfreich sind keine Erklärungen, sondern Rituale.
Keine Anleitungen, sondern Wiederholung.
Was tagsüber ruhig, vertraut und gleichbleibend erlebt wird, wird abends als Gefühl abrufbar.
🌿 Vier sanfte Wege, den Abend zu entlasten
1. Der Tag als Puffer ☀️
Jeder ruhige Moment am Tag ist wie ein kleines Polster für den Abend.
Früh reagieren:
Achten Sie schon am Nachmittag auf kleine Signale:
Seufzen
Unruhige Hände
Nervosität
Wiederholte Fragen
Rückzug
Wer früh reagiert, kann sanfte Übergänge vorbereiten, bevor die Unruhe steigt.
Konkrete Tagesgestaltung:
Vormittags (8-12 Uhr):
Helles Tageslicht (Fenster auf oder raus!)
Leichte Aktivitäten: Spaziergang, kreative Tätigkeiten
Soziale Interaktion (aber nicht zu viel)
Mittags (12-14 Uhr):
Hauptmahlzeit
Kurze Ruhepause (max. 30 Min., nicht im Bett)
Keine Überforderung
Nachmittags (14-17 Uhr):
KRITISCHE PHASE -- hier vorbeugen!
Aktivitäten reduzieren
Keine Besucher mehr
Keine neuen Aufgaben
Vertraute, ruhige Tätigkeiten
Ab 17 Uhr:
Nur noch Routine
Nichts Neues mehr
Sanfter Übergang zum Abend
Hilfreich tagsüber:
Feste Abläufe
Langsame Übergänge zwischen Aktivitäten
Wenige Entscheidungen
Pausen zwischen Aktivitäten
Keine neuen Aufgaben am späten Nachmittag
Nicht mehr tun -- sondern weniger auf einmal.
2. Körperliche Vertrautheit 🤲
Der Körper merkt sich: dieselbe Tasse, das Falten von Wäsche, einen kurzen, bekannten Weg, sanfte Musik, ruhige Berührung.
Konkrete Beispiele:
Vertraute Gegenstände:
Lieblingstee zur gewohnten Zeit 🍵
Dieselbe Tasse, jeden Tag
Vertraute Decke bereitlegen
Lieblingskleidungsstück
Vertraute Tätigkeiten:
Hände waschen als Ritual vor dem Abendessen ✋
Tisch decken (immer gleich)
Wäsche falten (beruhigend, siehe Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe)
Blumen gießen
Vertraute Sinneseindrücke:
Dieselbe Melodie im Hintergrund 🎵
Vertrauter Duft (Lavendel, Kaffee)
Bekanntes Licht (Lieblingslampe)
Weiche Texturen (Lieblingsdecke)
Körperliche Nähe:
Hand auf der Schulter, wenn es angenehm ist 🤲
Leichte Handmassage
Sanftes Streichen über den Arm
Gemeinsam sitzen, Schulter an Schulter
Diese Erfahrungen müssen nicht erklärt werden. Sie wirken still.
3. Emotionale Ansteckung 🕊️
Menschen mit Demenz spiegeln, was sie um sich spüren.
Ihre Stimme trägt.
Ihre Ruhe wirkt.
Ihre Verlässlichkeit gibt Halt.
Nicht Perfektion hilft -- sondern Verlässlichkeit.
Was tagsüber als ruhig erlebt wird, trägt abends mit.
In der Praxis bedeutet das:
Ihre Stimmung:
Wenn Sie gehetzt sind → Ihr Angehöriger wird unruhig
Wenn Sie ruhig sind → Ihr Angehöriger entspannt sich
Ihre Stimme:
Ruhig sprechen, auch wenn Sie selbst angespannt sind
Kurze, einfache Sätze
Tiefe, warme Tonlage
Langsames Tempo
Ihre Körpersprache:
Blickkontakt halten
Offene Haltung
Langsame Bewegungen
Keine Hektik
Ihre Atmung:
Eigene Atmung verlangsamen
Tief in den Bauch atmen
Ihr Angehöriger wird unbewusst mitgehen
Oft reicht ein einfacher Satz:
"Du bist nicht allein. Ich bin da."
Mehr über nonverbale Kommunikation: Beitrag 10: Ton, Mimik und Stille
4. Abends nichts Neues 🌙
Am späten Tag gilt: nichts erklären, nichts verändern, nichts verlangen.
Stattdessen: wiederholen, vereinfachen, begleiten.
Praktische Umsetzung:
Licht:
Sanft dimmen, nicht plötzlich ausschalten
Warmweißes Licht statt kaltweiß
Schatten vermeiden (können bedrohlich wirken)
Nachtlichter in Flur/Bad
Umgebung:
Vertraute Räume, aufgeräumt und gleichbleibend
Keine Veränderungen (kein Umstellen von Möbeln)
Alles am gewohnten Platz
Vorhersehbarkeit
Soziales:
Keine Besucher am späten Nachmittag
Keine Telefonate
Keine neuen Personen
Nur vertraute Gesichter
Aktivitäten:
Keine ungewohnten Aufgaben
Keine Entscheidungen
Nur wiederholte Rituale
Routine, Routine, Routine
Bewegung:
Leichte Bewegungen erlauben: kurzer Spaziergang im Flur
Sanftes Strecken
Einfache Handgesten
Nicht forcieren, nur anbieten
Das Bekannte beruhigt mehr als jedes Wort.
🌿 Konkrete Anti-Sundowning-Strategien
Strategie 1: Strukturierter Tagesablauf
7:00 Uhr -- Aufstehen, Fenster auf (Licht!)
8:00 Uhr -- Frühstück
9:00 Uhr -- Spaziergang oder Aktivität draußen
12:00 Uhr -- Mittagessen
13:00 Uhr -- Kurze Ruhe (30 Min.)
14:00 Uhr -- Ruhige Beschäftigung drinnen
15:00 Uhr -- AB JETZT: Vorbereitung auf Abend
16:00 Uhr -- Tee-Ritual, vertraute Musik
17:00 Uhr -- Hände waschen, Licht dimmen
18:00 Uhr -- Abendessen
19:00 Uhr -- Ruhige Aktivität (Fotos ansehen)
20:00 Uhr -- Bettfertig machen
21:00 Uhr -- Schlafen
Strategie 2: Reize reduzieren
Ab 16 Uhr:
Fernseher aus
Radio leiser oder aus
Telefon stumm
Keine Gäste
Keine fordernden Gespräche
Umgebung:
Vorhänge halb zu (Schatten reduzieren)
Warmes Licht
Ruhige Hintergrundmusik (wenn gewohnt)
Räume aufgeräumt
Strategie 3: Ablenkung durch Vertrautes
Wenn Unruhe beginnt:
Nicht: "Beruhige dich!" oder "Alles ist gut!"
Sondern: Vertraute Tätigkeit anbieten
Beispiele:
"Komm, wir schauen die Fotos an."
"Magst du mir helfen, die Servietten zu falten?"
"Lass uns zusammen Tee trinken."
"Schau, deine Lieblingsdecke."
Das Vertraute gibt Halt.
Strategie 4: Validierung statt Korrektur
Wenn Ihr Angehöriger sagt: "Ich muss nach Hause."
Nicht korrigieren: "Du bist doch zu Hause!"
→ Löst Verwirrung und Stress aus
Stattdessen validieren:
"Du möchtest nach Hause. Das verstehe ich."
→ Erkennt das Gefühl an
Dann sanft umlenken:
"Lass uns erst noch einen Tee trinken."
→ Gibt Zeit, lenkt ab
Mehr dazu: Beitrag 9: Kommunikation bei Demenz
Strategie 5: Musik als Anker
Musik wirkt oft Wunder bei Sundowning:
Warum Musik hilft:
Erreicht emotionale Zentren des Gehirns
Weckt positive Erinnerungen
Beruhigt ohne Worte
Gibt Struktur durch Rhythmus
Welche Musik:
Lieder aus der Jugend (40er-60er Jahre)
Keine moderne, unbekannte Musik
Ruhige, melodische Stücke
Keine lauten, schnellen Rhythmen
Wann einsetzen:
Präventiv ab 16 Uhr
Bei ersten Anzeichen von Unruhe
Als festes Ritual (jeden Tag gleich)
Mehr zur Musik: Beitrag 1: Vertraute Momente schenken
🌸 Wenn der Abend trotzdem schwer bleibt
Manchmal entsteht Unruhe, auch wenn Sie alles „richtig" gemacht haben.
Dann hilft:
Nicht gegen die Unruhe ankämpfen
Akzeptieren, dass manche Abende schwer sind
Nicht verzweifeln oder sich schuldig fühlen
Es liegt nicht an Ihnen
Raum geben, ohne allein zu lassen
Mitgehen statt blockieren
"Ja, wir gehen..." (dann langsam zurücklenken)
Nicht festhalten oder zwingen
Stille Präsenz zeigen
Sinnesreize nutzen
Leise Musik anbieten
Vertraute Gegenstände in die Hand geben
Warmen Tee anbieten
Lieblingsdecke holen
Einfach dableiben
Manchmal ist die beste Strategie:
Einfach ruhig daneben sitzen.
Keine Worte. Keine Aktionen.
Nur Präsenz.
Sundowning ist kein Versagen.
Es ist kein Zeichen, dass etwas „nicht funktioniert".
Es ist ein Ausdruck von Erschöpfung.
Und manchmal auch ein stiller Ruf nach Halt.
🌿 Was Sie als Angehöriger tun können
Für sich selbst sorgen
Sundowning ist extrem belastend für Angehörige.
Erlauben Sie sich:
Frustration zu fühlen
Erschöpfung zuzugeben
Hilfe zu holen
Pausen zu nehmen
Siehe: Beitrag 20: Wenn Pflege den Schlaf raubt
Unterstützung nutzen
Tagespflege:
Mehr Aktivität am Tag → weniger Unruhe am Abend
Kurzzeitpflege:
Wenn Sie selbst am Limit sind
Selbsthilfegruppen:
Austausch mit anderen, die es verstehen
Beratungsstellen:
Professionelle Tipps für Ihre Situation
Realistische Erwartungen
Sundowning lässt sich selten komplett verhindern
Manche Tage sind besser, manche schlechter
Sie tun Ihr Bestes -- das ist genug
Perfektion gibt es nicht
❓ Häufige Fragen zu Sundowning
Warum wird mein Angehöriger abends unruhig, obwohl der Tag ruhig war?
Auch ein „ruhiger" Tag enthält viele kleine Reize: Geräusche, Licht, Stimmungen, Übergänge. Diese summieren sich. Die innere Uhr kann verschoben sein. Zudem wirken Lichtveränderungen am Abend desorientierend. Was tagsüber noch verarbeitet werden konnte, überwältigt abends.
Kann ich Sundowning verhindern?
Vollständig verhindern lässt es sich selten. Aber Sie können den Abend vorbereiten: Tagesüberlastung reduzieren, Umgebung vertraut halten, Ruhezeiten einplanen, feste Rituale einsetzen. Der Tag schützt den Abend. Je strukturierter und ruhiger der Tag, desto besser oft der Abend.
Welche Rolle spielt Bewegung?
Sehr wichtig! Bewegung am Vormittag/Mittag baut Energie ab, fördert Schlaf, stabilisiert den Rhythmus. Kurze Spaziergänge, Gartenarbeit oder einfache Tätigkeiten helfen. Aber: Nicht zu spät am Tag -- ab 17 Uhr nur noch sanfte Bewegung. Siehe: Beitrag 3: Bewegung bei Demenz
Was tue ich, wenn ich selbst erschöpft bin?
Ihre Erschöpfung ist real und wichtig. Kleine Pausen einlegen darf sein. Vertraute Person um Unterstützung bitten ist keine Schwäche. Einfache Rituale nutzen, die Sie entlasten. Ihre Ruhe ist auch Fürsorge für sich selbst. Mehr: Beitrag 13: Burnout bei Angehörigen
Sollte ich tagsüber Schlaf verhindern?
Kurze Ruhephasen (max. 30 Min. vor 15 Uhr) sind erlaubt und oft nötig. Wichtiger ist, dass der Körper tagsüber Licht, Bewegung und kleine Aktivität erlebt -- damit er überhaupt spürt, wann Abend wird. Starres Wachhalten erzeugt oft mehr Stress als Ruhe. Balance ist wichtig.
Wann sollte ich ärztliche Hilfe holen?
Bei sehr starker, täglicher Unruhe, die Sie nicht mehr bewältigen können. Bei aggressivem Verhalten. Bei Selbst- oder Fremdgefährdung. Bei Verdacht auf Schmerzen oder andere Ursachen. Wenn Sie als Angehöriger am Limit sind. Hilfe zu holen ist Stärke, nicht Schwäche.
Können Medikamente helfen?
In manchen Fällen ja -- aber nur als letztes Mittel und ärztlich verordnet. Risiken: Stürze, verstärkte Verwirrtheit, Nebenwirkungen. Erst alle nicht-medikamentösen Wege ausschöpfen. Wenn Medikamente: niedrigste Dosis, kürzeste Zeit, engmaschige Kontrolle.
Ist Sundowning ein Zeichen, dass die Demenz schlimmer wird?
Nicht zwingend. Sundowning kann in verschiedenen Stadien auftreten. Manchmal verschwindet es auch wieder. Es ist ein Symptom, kein Indikator für Progression. Aber: Bei plötzlicher Verschlechterung immer ärztlich abklären (könnte auch Infektion, Schmerz etc. sein).
🌿 Verbindung zu anderen Themen
Sundowning hängt eng mit anderen Herausforderungen zusammen:
Schlafstörungen: Beitrag 18: Schlafstörungen bei Demenz
Tagesstruktur: Beitrag 8: Veränderungen sanft gestalten
Angehörige: Beitrag 20: Wenn Pflege den Schlaf raubt
🌌 Ein anderer Blick auf Sundowning
Sundowning lässt sich nicht lehren -- aber der Tag kann so gestaltet werden, dass der Abend weniger tragen muss.
Mit vertrauten Ritualen, körperlicher Nähe, emotionaler Ruhe und dem Mut, Neues wegzulassen, wird der Abend wieder ein Moment, der getragen werden kann.
Nicht perfekt. Aber ruhiger. Würdevoller. Näher.
Was wir gelernt haben:
Sundowning ist Überforderung, die sich über den Tag sammelt
Der Tag schützt den Abend -- Struktur, Licht, Bewegung
Rituale wirken stärker als Erklärungen
Ihre Ruhe ist ansteckend
Vertrautes beruhigt mehr als Neues
Es ist nicht Ihre Schuld -- Sie tun Ihr Bestes
🫂 Weiterführende Unterstützung
Praktische Hilfe:
Deutsche Alzheimer Gesellschaft: 030 259 37 95 14
Alzheimer-Telefon: Beratung und Austausch
Lokale Beratungsstellen: Suche auf www.wegweiser-demenz.de
Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Angehörigen
Entlastungsangebote:
Tagespflege: Strukturierter Tag, Entlastung für Sie
Kurzzeitpflege: Wenn Sie eine Pause brauchen
Verhinderungspflege: Stundenweise Unterstützung
Ehrenamtliche Helfer: Oft über Gemeinde/Kirche
Mehr Unterstützung: Beitrag 7: Wenn der Alltag schwer wird
🌿 Ein ruhiger Abschluss
Jede kleine Handlung zählt:
Ein Tee 🍵
Eine Hand auf der Schulter 🤲
Ein vertrautes Lied 🎵
Helles Licht am Morgen ☀️
Struktur am Tag 📅
Rituale am Abend 🌙
Aus scheinbarer Unruhe kann Ruhe entstehen. Und aus Aufmerksamkeit entsteht Nähe.
💚 Sie müssen nicht alles verstehen. Sie müssen nicht alles lösen.
Manchmal reicht es, da zu sein -- ruhig, verlässlich, Abend für Abend.
Sie sind nicht allein auf diesem Weg.
🔗 Weiterführende Beiträge
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