Von der Unruhe zur Ruhe – Wenn Hände Bedürfnisse zeigen

Wenn Hände nicht zur Ruhe kommen: Warum Menschen mit Demenz würdevolle Aufgaben brauchen – und wie einfache Tätigkeiten Unruhe in Orientierung verwandeln.

UNRUHE & BEDÜRFNISSE

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Von der Unruhe zur Ruhe – Wenn Hände Bedürfnisse zeigen

Beitrag 2

🌱 Unruhe im Alltag erkennen

Die Hände wollen nicht stillhalten. Ständiges Aufstehen, Suchen, Greifen nach Dingen – ohne erkennbaren Grund. Diese Unruhe ist anstrengend. Für Sie beide. Doch was aussieht wie Nervosität, ist oft etwas anderes: ein Bedürfnis, das einen Weg sucht.

Unruhe gehört zu den häufigsten Begleiterscheinungen einer Demenz. Sie zeigt sich in kleinen Bewegungen, im ständigen Aufstehen, Umherlaufen oder in Händen, die etwas suchen, ohne dass klar ist, was fehlt.

Für Angehörige kann das belastend sein – doch Unruhe ist selten „bloß Verhalten". Oft ist sie ein Ausdruck eines Bedürfnisses, das nicht in Worte gefasst werden kann.

Unruhe ist Kommunikation

Fachpersonen sehen Unruhe nicht als „schlechtes Verhalten", sondern als Signal für ein unerfülltes Bedürfnis: nach Bewegung, Struktur oder einer Aufgabe, die Sinn ergibt. Vielleicht ist es genau das: ein lebenslanges Bedürfnis, etwas mit den eigenen Händen zu tun.

Mehr über die Bedeutung von Vertrautheit bei Demenz erfahren Sie in Beitrag 1: Vertraute Momente schenken – Warum Vertrautheit bei Demenz so wichtig ist.

🌲 Warum Hände nicht zur Ruhe kommen

Ein Leben lang benutzen wir unsere Hände: beim Kochen, Reparieren, Sortieren, Tragen, Bauen. Wenn das Denken schwieriger wird, bleibt dieses körperliche Bedürfnis oft bestehen. Die Hände „wissen" noch, wie es sich anfühlt, nützlich zu sein – und wenn sie keine passende Aufgabe finden, suchen sie weiter.

Hände sind oft der ehrlichste Ausdruck innerer Bedürfnisse. Sie greifen, sortieren, nesteln, drehen, öffnen, schließen – manchmal ohne sichtbaren Zweck.

Doch diese Bewegungen haben Bedeutung. Ein Leben lang haben Hände gearbeitet: gekocht, getragen, repariert, geordnet, geschaffen. Wenn kognitive Fähigkeiten nachlassen, bleibt dieses körperliche Gedächtnis bestehen. Die Hände „wissen" noch, wie es sich anfühlt, etwas zu tun. Wenn sie keine passende Aufgabe finden, suchen sie weiter.

Diese Unruhe zeigt sich oft in kleinen, wiederkehrenden Bewegungen, die für Außenstehende chaotisch wirken können, für die betroffene Person aber Sinn ergeben. Studien zeigen, dass gezielte Aktivitäten die Häufigkeit von agitiertem Verhalten reduzieren können (Verywell Health).

🌿 Drei häufige Gründe für Unruhe

1. Bewegung

Viele Menschen mit Demenz fühlen sich wohler, wenn sie in Bewegung bleiben. Nicht, weil sie „nicht stillsitzen können", sondern weil Bewegung Sicherheit gibt. Ein kurzer Gang, ein kleiner Auftrag oder ein vertrauter Ablauf kann sofort beruhigen.

2. Struktur

Wenn die innere Orientierung schwindet, wird äußere Struktur umso wichtiger. Unruhe entsteht oft dann, wenn:

  • der Tagesablauf unklar ist

  • zu viel Leerlauf entsteht

  • zu viele Reize gleichzeitig wirken

Schon kleine Rituale können helfen, den Tag zu „halten". Wie Sie Veränderungen im Alltag stressfrei gestalten, lesen Sie in Beitrag 8: Veränderungen bei Demenz sanft gestalten.

3. Eine Aufgabe

Viele Menschen mit Demenz möchten weiterhin etwas beitragen. Nicht beschäftigt werden – sondern gebraucht werden. Eine einfache, wiederholbare Aufgabe kann das Gefühl zurückgeben: „Ich habe etwas geschafft."

🌼 Mehr als ein Stressball: Würde zählt

Viele bunte Plastikspielzeuge, die als „Fidget" verkauft werden, wirken auf ältere Menschen schnell kindlich – und werden oft abgelehnt. Es geht nicht um Ablenkung, sondern um Würde.

Werkzeuge für Erwachsene sollten:

  • stabil und angenehm in der Hand liegen

  • eine kleine, klare Aufgabe bieten: Sortieren, Drehen, Verschließen, Ordnen

  • ein Erfolgserlebnis ermöglichen: „Ich habe etwas geschafft"

Solche Aufgaben geben den Händen einen klaren Fokus, reduzieren Unruhe und schenken Selbstwirksamkeit.

🌿 Die Kraft vertrauter Materialien

Nicht jede Beschäftigung eignet sich. Sicherheit, Haptik und Vertrautheit sind entscheidend:

  • Oberflächen sollten glatt und stabil sein

  • Einzelne Teile nicht verschluckbar oder zerbrechlich

  • Materialien sollten vertraut wirken – nicht wie Spielzeug

Selbst einfache Gegenstände aus dem Haushalt, alte Holzklötze oder Wäscheklammern können diese Kriterien erfüllen. So entstehen ruhige, sinnvolle Momente, in denen Hände eine Aufgabe haben und die Person gleichzeitig Wertschätzung spürt.

Ergotherapie zu Hause kann hier besonders wirksam sein: Ein systematischer Review zeigt, dass häusliche Ergotherapie sowohl die Lebensqualität von Menschen mit Demenz als auch die Belastung ihrer Angehörigen verbessert (EBP, 2020).

🌲 Kleine Aufgaben, große Wirkung

Schon ein einfaches, wiederholbares Handstück kann Unruhe reduzieren:

  • ein paar Knöpfe zum Sortieren

  • stabile Holzstücke zum Zusammenstecken

  • ein einfacher Faltvorgang mit Papier

Diese Tätigkeiten schenken den Händen eine strukturierte Bewegung und dem Geist Orientierung. Ein Moment der Ruhe entsteht – kein Druck, keine Ablenkung, nur Fokus und Verbindung. Weitere kreative Beschäftigungsideen finden Sie in Beitrag 4: Kreative Tätigkeiten bei Demenz

„Wenn die Hände wissen, was sie tun sollen, beruhigt sich auch der Geist."

🌼 Praktische Impulse für den Alltag

Regelmäßige Routine: Feste Abläufe beruhigen den Geist

Bekannte Materialien: Dinge, die vertraut riechen, fühlen oder aussehen, fördern Ruhe

Aufmerksamkeit auf Signale: Beobachten, wann Hände unruhig werden, und kleine Aufgaben anbieten

Musik und Bewegung: Sanfte Lieder, leichte Handübungen oder Dehnungen können Spannung lösen. Mehr Bewegungsideen finden Sie in Beitrag 3: Bewegung bei Demenz – Tipps für Alltag und Zuhause.

Weitere Beispiele für sanfte Handbeschäftigungen:

  • Sortieren von Gegenständen: Knöpfe, Murmeln, Bohnen oder kleine Holzstücke

  • Textile Tätigkeiten: Zusammenlegen von Stoffen, einfache Näharbeiten, Falten von Waschlappen

  • Küchentätigkeiten: Abspülen kleiner Utensilien, Teig kneten, Obst sortieren

  • Naturmaterialien: Blätter sortieren, Tannenzapfen oder Steine fühlen und ordnen

Diese Aufgaben haben einen klaren Anfang und ein sichtbares Ergebnis – das stärkt Selbstwirksamkeit und gibt der Unruhe eine positive Richtung. Musik kann auch bei kreativen Tätigkeiten eingesetzt werden – siehe Beitrag 4: Kreative Tätigkeiten bei Demenz

🌿 Agitation verstehen und vorbeugen

Agitation bei Demenz kann durch viele Faktoren ausgelöst werden: unbekannte Umgebung, körperliche Beschwerden, zu viel Lärm, Müdigkeit oder das Gefühl, sich nicht ausdrücken zu können.

Für Angehörige kann diese ständige Aufmerksamkeit erschöpfend sein. Mehr dazu, wie Sie als Angehöriger Entlastung finden, lesen Sie in Beitrag 10: Nonverbale Kommunikation bei Demenz – Ton, Mimik und Stille. Auch die Art der Kommunikation spielt eine Rolle – mehr dazu in Beitrag 9: Kommunikation bei Demenz – mit Herz statt Fakten.

Tipps für Angehörige:

  • Überstimulation vermeiden: Weniger Reize, ruhigere Umgebung

  • Planbare Tagesstruktur: Vorhersehbare Abläufe geben Sicherheit

  • Körperliche Aktivität: Sanfte Bewegung oder kurze Spaziergänge

  • Soziale Nähe: Berührungen, Blickkontakt und vertraute Stimmen

Kleine Veränderungen im Alltag können einen großen Unterschied machen – sowohl für die betroffene Person als auch für die pflegenden Angehörigen.

🌲 Die Rolle der Ergotherapie zuhause

Systematische Reviews zeigen, dass häusliche Ergotherapie positive Effekte auf Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) und auf Verhaltenssymptome hat. Sie kann zudem die Lebensqualität der betreuenden Angehörigen verbessern, Stress reduzieren und depressive Symptome abmildern. Ein gezieltes Übungsprogramm, das auf die individuellen Fähigkeiten und Interessen zugeschnitten ist, wirkt oft nachhaltiger als allgemeine Bastelideen.

🌼 Sinne einbeziehen

Unruhe kann auch über die Sinne beruhigt werden:

Hören: Musik aus der Jugend oder vertraute Naturgeräusche. Diese vertrauten Sinnesreize wirken beruhigend und orientierend.

Fühlen: Verschiedene Oberflächen, warme Tücher, weiche Materialien

Sehen: Bilder, Fotos oder kleine vertraute Gegenstände

Kombiniert mit Handaktivitäten können diese Sinnesreize eine tiefere Ruhe und Orientierung schaffen.

🌼 Ein Moment der Ruhe

Unruhe bei Demenz ist ein Kommunikationssignal. Wer sie versteht, kann passende, wertschätzende Aktivitäten anbieten, die Hände und Geist beschäftigen. Die Kombination aus vertrauten Materialien, klaren Aufgaben und liebevoller Begleitung schafft Momente von Ruhe, Würde und Selbstwirksamkeit.

Der Schlüssel liegt darin, das Bedürfnis hinter der Bewegung zu erkennen – und in etwas Wohltuendes zu verwandeln. Es geht nicht darum, Unruhe „abzustellen". Es geht darum, sie zu verstehen.

Wenn wir lernen, diese Signale zu lesen, entsteht Verständnis, Nähe und Momente echter Ruhe und Verbindung.

🔗 Weiterführende Beiträge

👉 Weiter: Beitrag 3: Bewegung bei Demenz – Wenn der Körper sich erinnert

👈 Zurück: Beitrag 1: Vertraute Momente schenken – Warum Vertrautheit bei Demenz so wichtig ist

Nahaufnahme  älterer Hände bei sanften, sinnvollen Tätigkeiten wie Stoffe falten oder Holzklötze sortieren
Nahaufnahme  älterer Hände bei sanften, sinnvollen Tätigkeiten wie Stoffe falten oder Holzklötze sortieren