Bewegung bei Demenz – Wenn der Körper sich erinnert
Bewegung muss nicht erfunden werden – sie ist oft schon da. Wie Spaziergänge, Musik und vertraute Tätigkeiten bei Demenz Wohlbefinden schenken, sanft und im eigenen Tempo
BEWEGUNG & MOBILITÄT
KraftWald
3 min read
Bewegung bei Demenz – Wenn der Körper sich erinnert
Beitrag 3
🌿 Bewegung erkennen – nicht hinzufügen
Sie suchen nach Bewegungsideen. Übungen. Programmen. Etwas, das hilft. Dabei übersehen wir manchmal, was längst da ist: Schritte, die sich wiederholen. Hände, die nach etwas greifen. Kleine Wege durchs Zimmer. Bewegung existiert bereits – sie möchte nur wahrgenommen werden.
Im Alltag von Menschen mit Demenz zeigt sich Bewegung oft leise und unscheinbar. Ein Gegenstand wird hin‑ und hergetragen. Die Füße gehen den Flur entlang. Die Hände suchen nach einer Aufgabe. Bewegung muss nicht erfunden werden. Sie möchte gesehen und würdevoll begleitet werden.
🌲 Bewegung als Erinnerung – wenn der Körper weiß, was zu tun ist
Bewegung spielt im Leben von Menschen mit Demenz eine besondere Rolle. Nicht nur körperlich – sondern für Sicherheit, Vertrautheit und Zugehörigkeit.
Viele Bewegungen sind tief im Körper verankert. Sie wurden über Jahrzehnte wiederholt: gehen, greifen, tragen, ordnen. Wenn Worte fehlen und Gedanken brüchig werden, bleibt dieses körperliche Gedächtnis oft bestehen. Der Körper erinnert sich.
Studien zeigen, dass eingeübte Bewegungsabläufe – sogenannte prozedurale Erinnerungen – häufig länger erhalten bleiben als sprachliche oder faktische Erinnerungen. Motorische Gewohnheiten funktionieren oft weiter, selbst wenn andere Gedächtnisformen nachlassen.
Wie bei unruhigen Händen zeigt auch Bewegung oft ein Bedürfnis nach Halt, Struktur oder einem vertrauten Rhythmus. Mehr dazu lesen Sie in Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe – Wenn Hände Bedürfnisse zeigen.
Bewegung ist dann kein „Programm“ – sondern gelebte Erinnerung.
🌼 Warum vertraute Bewegung so wohltuend ist
Es geht nicht um Leistung. Nicht um Tempo. Sondern um Bewegungen, die sich vertraut anfühlen – und dadurch gut.
Vertraute Bewegungen können:
innere Unruhe sanft lösen
Orientierung geben, ohne zu erklären
Selbstwirksamkeit spürbar machen
Nähe und Verbundenheit schaffen
Schon kleine Tätigkeiten reichen: ein paar Schritte im Flur, Wäsche aufhängen, Pflanzen gießen. Nicht neu. Nicht perfekt. Sondern bekannt.
🌲 Gemeinsames Gehen – ohne Ziel
Ein kurzer Weg durch den Flur. Ein paar Schritte im Garten. Oder der vertraute Pfad im Park. Ohne Ziel. Ohne Eile. Im eigenen Tempo.
Manchmal entstehen kleine Gespräche. Manchmal ist es still. Beides ist richtig.
Eine Tochter erzählte, dass ihr Vater jeden Nachmittag unruhig wurde. Seine Füße wollten los. Seit sie gemeinsam ein paar Runden um den Apfelbaum gehen, legt sich diese Unruhe oft von selbst. Nicht, weil sie „Bewegung machen“. Sondern weil der Körper einen vertrauten Ablauf wiederfindet.
🌼 Bewegung mit Musik – wenn der Körper antwortet
Musik erreicht oft etwas, das Worte nicht mehr erreichen. Ein vertrauter Rhythmus, ein bekanntes Lied – und plötzlich bewegt sich etwas. Ein Fuß wippt. Eine Hand hebt sich. Ein Schritt findet den nächsten.
Es geht nicht ums Tanzen. Nicht ums Mitmachen. Nicht ums Richtig‑machen.
Eine Pflegerin sagte: „Ich habe nur die Musik angemacht. Er hat selbst entschieden, wie viel Bewegung gut war.“
Musik gibt dem Körper einen Rahmen – und lässt zugleich Freiheit.
🌿 Bewegung im Alltag – ganz nebenbei
Viele Bewegungen entstehen dort, wo niemand sie „Aktivität“ nennt: Wäsche zusammenlegen, Pflanzen gießen, Besteck sortieren, den Tisch vorbereiten.
Diese Tätigkeiten sind vertraut. Sie brauchen keine Erklärung. Der Körper kennt sie oft noch genau. Warum Vertrautheit so wichtig ist, erfahren Sie in Beitrag 1: Vertraute Momente schenken – Warum Vertrautheit bei Demenz so wichtig ist.
Eine Angehörige bemerkte, dass ihre Mutter beim Falten der Handtücher ruhiger wurde. Nicht, weil sie abgelenkt war – sondern weil ihre Hände etwas tun durften, das sie ihr Leben lang getan hatten.
Bewegung, die Sinn ergibt, wirkt anders als Bewegung, die nur „beschäftigt“.
🌿 Welche Bewegungen gut passen
Einfach, wiederholbar und vertraut – das wirkt am stärksten:
ruhige Spaziergänge in bekannter Umgebung
Mitwiegen zu vertrauter Musik
alltägliche Bewegungen wie Tischdecken, Pflanzen gießen, Türen öffnen
kleine, wiederkehrende Handgriffe, die der Körper kennt
Wichtig ist nicht die Dauer – sondern das Gefühl danach. Ein kurzer Moment, der sich stimmig anfühlt, wirkt oft stärker als eine lange Einheit.
🌲 Bewegung verbindet
Bewegung schafft Nähe – ganz ohne Worte. Ein gemeinsamer Schritt, ein gleicher Rhythmus, ein stilles Nebeneinander.
Für Angehörige bedeutet das: Sie müssen nichts anleiten oder korrigieren. Es reicht, mitzuspüren, mitzuschreiten, Raum zu lassen.
So entsteht Verbindung – leise und würdevoll.
🌼 Worauf es im Alltag ankommt
auf die Tagesform achten
Pausen zulassen
Überforderung vermeiden
ruhige Umgebung schaffen
Freude und Sicherheit an erste Stelle setzen
Schon wenige Minuten können den Tag leichter machen. Auch kleine Bewegungen können tragen.
🌱 Ein stiller Abschluss
Bewegung im Alltag von Menschen mit Demenz ist nichts, was man hinzufügen muss. Sie ist oft schon da – verborgen in kleinen Gesten, Wegen und Routinen.
Wenn wir lernen, diese Momente zu erkennen und ihnen Raum zu geben, entsteht Bewegung, die nicht fordert, sondern trägt. Leise. Würdevoll. Im eigenen Rhythmus.
Wie bei unruhigen Händen gilt auch hier: Wenn der Körper weiß, was er tun darf, findet der Mensch oft ein Stück Ruhe.
Bewegung bei Demenz ist mehr als Aktivität. Sie ist Erinnerung, Teilhabe und Würde. Wenn wir vertraute Bewegungen zulassen, geben wir dem Körper die Möglichkeit, zu erzählen – auf seine eigene Weise.
👉 Weiter: Beitrag 4: Kreative Tätigkeiten bei Demenz – 5 einfache Impulse für Alltag und Nähe
👈 Zurück: Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe – Wenn Hände Bedürfnisse zeigen


© 2025 - 2026 KraftWald · Saarbrücken, Deutschland · Blog für pflegende Angehörige
